Kommentare 0

Wider die Demokratieverächter

Beinahe täglich lese ich irgendwo im Netz die Kommentare dummer Personen. Sie kotzen ihren Hass auf Politik und die Demokratie vermittels ihrer Tastaturen in die Welt. Sie alle kennzeichnet eine engagementlose Anspruchshaltung und eine ich-bezogene Kompromisslosigkeit.

Es ist schon beinahe egal, zu welchem Thema sich eine Partei oder ein Politiker äußert. Irgendwo in den Antwortkommentaren wird sich schon einer finden, der sagt „habt ihr keine wichtigeren Themen“ und ein zweiter, der schreibt „ihr seid doch eh alles Volksverräter und Verbrecher“. Klar, das sind Idioten und Deppen wird es wohl immer geben. Menschen, die nicht realisieren, dass das System, das sie beschimpfen ihnen überhaupt erst die Freiheit gibt, ihren Quatsch zu verzapfen. Was mich stört ist nicht, dass es einzelne Idioten gibt, sondern dass die Politikverachtung bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht.

Gerade jetzt, da in sieben Bundesländern Kommunalwahlen sind, stehen tausende ehrenamtliche Ratsläute auf den Marktplätzen, um sich beschimpfen zu lassen, sie würden sich nur selbst bereichern – was ein Quatsch, wenn Menschen ihre ganze Freizeit opfern. Jeder wird von jemand anderem angemault, der jeweils sein ganz besonderes Thema mitgebracht hat und nicht verstehen kann, warum sich nicht die ganze Welt um ihn selbst dreht. Jeder schreit „ich-ich-ich“ und fragt gleichzeitig aggressiv nach, warum die anderen nicht „ja-ja-ja“ rufen. Scheinbar ist in Vergessenheit geraten, dass eine Gesellschaft immer ein Wir ist und dass dummerweise eine Gemeinschaft immer Kompromisse erfordert.

Wie oft ist man mit Freunden unterwegs und die einen wollen Kaffee trinken, die anderen jetzt kurz stehen bleiben und wieder die nächsten endlich das Museum aufsuchen. – Ich gebe zu, das mit dem Museum kommt selbst in meinem intellektuellen Freundeskreis eher selten vor. Am Ende mache ich irgendetwas mit, was nur weitestehend meinen Vorstellungen entspricht, aber eben nicht vollumfänglich. Warum sollte es in der Politik anders funktionieren?

Ich störe mich an dem Anspruch, etwas absolut und kompromisslos umsetzen zu wollen, weil ein solcher Anspruch dem Totalitarismus erneut den Boden bereitet. Der Totalitarismus geht keine Kompromisse ein, er setzt ein bestimmtes Programm kompromisslos durch. Das gefällt durchaus einigen und diejenigen, die keinen Gefallen daran finden können, werden schlicht zum Nicht-Teil der Gesellschaft erklärt.

Ich habe Sorge, dass die zunehmende Anspruchshaltung weiter ums sich greift, immer nur dasjenige zu bekommen, was man selbst will. Absolut und exakt sich selbst durchzusetzen, wie wir es vom Shopping gewohnt sind, am Ende auch denjenigen Kräften wieder zur Macht verhelfen kann, die ankündigen kompromisslos zu handeln. Ein Wiedererstarken einer Idee, die von zwei Richtungen unterstützt wird. Erstens von dem Wunsch, dass man möge sich doch endlich mal wieder durchsetzen und der ignoranten Haltung weil man sich selbst eben nicht komplett mit einem Kompromiss identifizieren kann, nicht mehr an der Wahl teil zu nehmen.

In den Zeiten, da wir die technischen Möglichkeiten geschaffen haben, eine totale Überwachung, wie sie noch nie zuvor dagewesen ist, zu realisieren, sollten wir mehr denn je darauf bedacht sein, dass unser Staat nicht in die Hände derer gerät, die im Kompromiss das eigentliche Übel sehen und die zur Durchsetzung ihres totalen Anspruchs auf Wahrheit eben alle Widersprechenden mundtot zu machen gedenken.

Schreibe eine Antwort