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Vom Niveau der selbsternannten Intellektuellen

Ohje, wo soll ich anfangen. In Kürze: Ich hatte einen Artikel über Effizienz und Gerechtigkeit in der Kulturpolitik geschrieben. Der Artikel war provokant, aber nicht skandalös. Die Debatte, die folgte, war allerdings recht peinlich. Sie endete wie jede unsinnige Diskussion mit einem Nazi-Vergleich. Diesmal hat es mich erwischt. Angeblich bin ich so ähnlich wie Goebbels. Danke, liebe selbsternannte Intellektuelle. 

Wer lesen kann ist klar im Vorteil, lautet ein altes Sprichwort. Das gilt wohl auch für Bluthochdruck beim Lesen meiner Artikel. Besonders schlimm Blutdruck haben einige Herren (ja, es waren wie immer nur Männer) beim Lesen meines Blogbeitrags über Kulturchauvinismus.

Die These des Beitrags ist recht einfach und ich stelle sie hier nur verkürzt nach. Wer sie ganz lesen will, der lese doch bitte den entsprechenden Artikel und bekomme nicht sofort wieder Bluthochdruck:
1. Es gibt ziemlich viel Geld für Opern, klassische Konzerte und Theater.
2. Die Zielgruppe von Opern, klassischen Konzerten und Theatern ist im Trend stärker gebildet als der Schnitt der Bevölkerung.
3. Es gibt Ineffizienzen, weil diese Häuser oft nicht alle ausverkauft sind, es aber bestimmte Gegenden in Deutschland gibt, da liegen die Metropolen so nah beieinander, dass mehrere dieser Häuser zu betreiben unsinnig ist.
4. Lasst uns ein paar dieser Häuser in den Metropolregionen schließen und mit dem Geld die verbliebenen stärken und das Ersparte nutzen wir, um andere Kulturformen zu fördern.

Ja, genau, Du hast richtig gelesen, es gibt wirklich keinen Skandal in diesem Blogbeitrag. Um zu präzisieren habe ich sogar explizit zwei Regionen in Deutschland benannt, wo dieses Phänomen auftritt. In den beiden nur 15 Minuten voneinander entfernten Nachbarstädten Mannheim und Heidelberg und im Ruhrgebiet, wo eine Großstadt neben der nächsten liegt.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, sollte man denken. Aber das trifft nunmal nicht auf jeden Kunstfreund zu. Schließlich ist man vermittels der Selbstdefinition intellektuell und da darf man dann eben auch nach dem überfliegen von zwei bis drei Sätzen sich ein Urteil erlauben. Schließlich funktioniert Kunstkritik seit jeher kaum anders.

In Hamburg gibt es Bluthochdruck

Manchmal verbreiten sich Gedanken weiter und so kam es, dass der Hamburger SPD-Bundestagsabgeorndete und Haushälter Johannes Kahrs meinen Artikel auf Facebook teilte. Wohl gemerkt, auch durch das Teilen taucht in meinem Artikel das Wort Hamburg nicht auf. Die Substanz bleibt gleich – nur wird es nun anderswo gelesen. In diesem Fall eben genau in Hamburg, wo die eine oder andere Baumaßnahme aus dem Bereich der Hochkultur hunderte Millionen versenkt.

Bildschirmfoto 2014-10-07 um 23.23.46Sogleich ging es hoch her. „Johannes, Finger weg von der Kultur!“ kommentierte einer – dabei hatte Johannes Kahrs nichts anderes getan, als den Artikel zum selbst lesen empfohlen. Das hätte auch geholfen, denn in meinem Beitrag ist mit keiner Zeile davon zu lesen, dass die Kultur insgesamt weniger Geld bekommen sollte. Ich hätte es nur zu gern ein wenig anders verteilt.

Aber wen interessiert schon, was da steht, wenn man sich doch viel besser über das aufregen kann, was da hätte stehen können. In einem fort wittert der Hamburger Kulturfan in der Folge eine große Intrige zur Schließung sämtlicher Opern und ganz besonders der Opern in Hamburg.

Ähm – WAIT – keiner, wirklich KEINER wollte die Hamburger Opern schließen. Welche Metropole liegt denn unmittelbar neben Hamburg? Buxtehude? – Nicht euer Ernst, oder? Selbstverständlich muss Hochkultur in Hamburg erhalten werden. Dort ist der Versorgungsort für das komplette Umland. Prima, denn aus gutem Grund hat Buxtehude keine eigene Oper zu bieten. Die Leute fahren nach Hamburg. Ich hatte aber nur die Frage gestellt, ob denn die Nachbarstädte (sie gehen wirklich ineinander über) Bochum, Duisburg, Essen und Dortmund wirklich JEWEILS eine Oper voller leerer Plätze brauchen.

Begriffshoheit

Wir sind es ja nicht mehr anders gewohnt. Offenbar hat niemand so wirklich den Artikel gelesen, aber alle fühlen sich befähigt mit zu diskutieren und natürlich – wie sollte es anders sein unter Männern im Internet – zu beschimpfen:

„Was für ein übler Artikel, dessen Verfasser man ein Semester wünscht, in dem ihm mal die Bedeutung der Worte „Chauvinismus“ und „Hochkultur“ näher gebracht wird.“ Das war dann wohl an mich gerichtet. Man darf dem guten Mann verzeihen – er kennt mich nicht und ist mir nie begegnet, nutzte aber schon vor einiger Zeit auf Twitter anlasslos die Gelegenheit, mich als dumm zu beschimpfen – denn wie sollte er auch wissen, dass ich recht viel und recht lang und sehr erfolgreich studiert habe. Aber nun denn, auch ich irre mich von Zeit zu Zeit mit einem Wort, also schlage ich es nach:

„Der Begriff Sozialchauvinismus bezeichnet ursprünglich den Nationalchauvinismus innerhalb sozialdemokratischer oder sozialistischer Parteien. Im zeitgenössischen Sprachgebrauch zielt der Begriff auch auf schicht-, milieu- oder klassenbezogenes Überlegenheitsdenken.“

Nunja, ziemlich genau das wollte ich zum Ausdruck bringen. Nämlich, dass man sich in der Kulturszene durchaus als Konsument bestimmter Angebote anderen Menschen überlegen fühlt und dass dies schicht-, milieu- oder klassenbezogen ist. Aber sei es drum, er hatte zwei meiner Begriffe als fehlerhaft verwendet identifiziert, drum will ich auch den anderen prüfen. Vielleicht landen wir bei einem salomonischen Urteil (bevor der nächste Vorwurf kommt, in der Bibel bin ich wirklich sehr bewandert, da würde ich aufpassen) und ich hatte einmal Recht und er das andere mal:

„Hochkultur als soziologischer Begriff umfasst die von meinungsbestimmenden Eliten genutzten, als besonders wertvoll akzeptierten Kulturleistungen – im Gegensatz zu Alltagskultur,Massenkultur, Populärkultur, Volkskultur oder Subkultur. (…) In kulturpolitischen Konflikten vor allem im deutschsprachigen Raum wurde „Hochkultur“ im 20. Jahrhundert gelegentlich als ‚massenfeindlich‘ oder ‚elitär‘ bekämpft.“

Okay, kein salomonisches Urteil. Der Vorwurf war schlicht grober Unfug.

Wer hat den längsten? – Die Leseliste

Männer vergleichen gern, wie groß bestimmte Sachen sind. Ganz besonders gern vergleichen sie eine ganz bestimmte Sache, aber in diesem Fall handelte es sich nur um das Ego. Wie könnte man das eigene Ego besser polieren, als dadurch, sich überlegen zu fühlen? – Ich gebe zu, ich genieße diesen Artikel gerade ;).

„Vielleicht sollte Erik Flügge sich doch etwas mehr informieren, vor er sich zu große Themen äußert“ (die Rechtschreibfehler hab ich nicht eingebaut. Ist ein Zitat) – ja, hätte ich machen können. Sicherlich hätte ich wirklich viel mehr über Kulturförderung in Deutschland zuvor lesen können. Was aber echt nett gewesen wäre, wenn man vor dem kritisieren meines Artikels auch eben diesen durchgelesen hätte. Mittlerweile habe ich mehr gelesen und dabei stolperte ich über einen geradezu komischen Fakt. Eben jener Mensch, der mich bat, mehr zu lesen bevor ich über Ineffizienz in der Kulturförderung spreche, musste 2012 seinen Posten räumen, weil seiner Arbeit für ein Museum „mangelnde Effizienz und sorgloser Umgang mit Geld“ attestiert wurde. So zu lesen in einer großen deutschen Tageszeitung. Jap, von diesem Mann möchte ich gerne darüber belehrt werden, dass meine Thesen zu mehr Gerechtigkeit und Effizienz in der Kulturpolitik ganz und gar von Ungebildetheit zeugen.

Der Nazi-Vergleich

Ja, in keiner guten Debatte darf er fehlen. Auch in dieser nicht. Ich kann euch vorwarnen, solltet ihr je daran denken, auch nur irgendwie vorzuschlagen zwei Opern, die nebeneinander liegen, beide Millionen kosten und nie ausverkauft sind, zusammen zu legen, dann seid ihr wie Joseph Goebbels. Glaubt ihr nicht? – Doch, ganz bestimmt. Denn der hat auch mal was über Kultur fürs Volk gesagt. Ist doch klar, dass das dann das Gleiche ist.

An die selbsternannten Intellektuellen

Ich schreibe gerne steile Thesen auf. Ich bin es gewohnt, dass es Widerstand gibt. Ich freue mich, Debatten anregen zu können und dabei selbst noch was zu lernen. Was ich von Euch lernen durfte, ist auch etwas wert: Das niveauloseste Feedback gibt es immer von denen, die selbst meinen, das Niveau für sich gepachtet zu haben.

Schönen Abend noch.

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