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Vitale Kriseninfrastruktur – Warum die großen Kirchen unverzichtbar sind

Man kann viel schimpfen und sich aufregen über die beiden großen Kirchen. Ich tue das selbst oft genug. Aber eines müssen auch alle Kirchenkritiker anerkennen: Es gibt eine Infrastruktur, die Kirche bereit stellt, die der Staat nicht mal kompensieren könnte, wenn er es denn wollte. 

Es hätte wieder einer dieser beschissenen Tage werden können. Plötzlich ist heute in meiner Kölner Nachbarschaft Amokalarm. Polizeisirenen, Hubschrauber und hysterische Medien. Viele meiner Freunde und ich selbst haben das alles schon mal in Winnenden erlebt. Wir brauchen es definitiv nicht wieder. Es tut mir leid, dass ich euch heute daran erinnere – aber ihr werdet die Berichte  im Lauf des Tages wohl auch auf Bild.de und Spiegel-Online lesen oder in der Tagesschau sehen. Gott sei Dank, diesmal war es falscher Alarm.

Der Alarm heute erinnert mich aber an etwas. Er erinnert mich an den einen Moment, in dem ich den Wert kirchlicher Infrastruktur so unmittelbar erlebt habe wie nie davor und nie danach. Es ist nicht das Wort „Amoklauf“, das mich daran erinnert, sondern es ist das Wort „Notfallseelsorge“.

Staatliche Notfallseelsorger gibt es nicht viele. Die paar Stellen, die es gibt, reichen kaum aus, um im Alltag zu helfen. In Krisensituationen ist die öffentliche Infrastruktur völlig überfordert. So war es damals, so ist es heute immer noch. Wenn plötzlich tausende Menschen mit Tod und Trauer konfrontiert sind, dann gibt es nur zwei Institutionen, die das auffangen können: Die viel gescholtene Evangelische Kirche und die noch mehr gescholtene Katholische Kirche.

In beiden Kirchen gibt es eine große Anzahl von Menschen, die sich emphatisch um Trauernde kümmern. Menschen, die sich die Zeit nehmen, die gebraucht wird, anstatt fort zu eilen. Gleichzeitig haben beide Kirchen den Willen in Krisensituationen schnell und unkompliziert zu handeln. Sie stellen alles hinten an, wenn ihre seelsorgerische Kraft gebraucht wird.

Damals in Winnenden standen noch am selben Tag hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden großen Kirchen vor Ort zum Gespräch bereit. Die Seelsorger sind dort über viele Stunden weit über das Limit ihrer eigenen Belastbarkeit gegangen. Sie haben tausende Menschen aufgefangen. Auch heute in Köln hätten die Kirchen das wieder geleistet, weil sie es immer selbstlos tun, wenn sie gebraucht werden.

Alle, die fordern, dass die Kirchensteuer abgeschafft werde, ignorieren, dass diese Kirche durch ihre dezentrale seelsorgerische Arbeit auch eine Infrastruktur bereit hält, die ein Staat in der Form nicht bereit stellen würde. Denn vielleicht mag man nach einer Abschaffung der Kirchensteuer noch einige Jahre darüber nachdenken, die webrechenden Seelsorgekapazitäten zu kompensieren, aber im Lauf der Zeit werden sich schon genügend junge Beraterfuzzis in schwarzen Anzügen finden, die genau hier Einsparpotentiale zu entdecken glauben. In dem seltenen Moment, da plötzlich viele Menschen Beistand brauchen, ist dann keiner da. Denkt doch darüber einfach mal nach.

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