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Unerhört real

– just a piece of art –

Denken Sie das Unerhörte! Stellen Sie sich vor, ich sei real. Ich bin gleichermaßen Teil der Offline- und der Onlinewelt, oder wie Sie es nennen, der realen und der virtuellen. Würden Sie mich fragen, ich könnte beides nicht trennen. Ein Glück für uns, Sie fragen mich nicht.

Es wird Sie beruhigen, dieser Text entstand auf Papier. Im Fitnessstudio zwischen den einzelnen Sätzen. Fünfzehn Mal stemmen und drei Zeilen schreiben. Kurze Pause, ich bin gleich zurück. Oberarme.

Warum ich das mache? Wenn meine Eltern mich fragen, dann um meinen Rücken zu stärken. Wenn ich ehrlicher wäre, würde ich sagen, ich möchte so gerne beim Onlinedating die Beschreibung von „schlank“ auf „athletisch“ verändern. Erhöht die Klicks. Gestern waren’s nur sechzig. Zwei Attraktive – wir treffen uns bald. Beide athletisch – wahrscheinlich zweimal gelogen.

Mein Tag beginnt im dunklen Zimmer. Die Nachtischlampe außer Reichweite. Ich muss sie nicht umstellen. Das Smartphone liegt griffbereit und leuchtet recht hell. Auf dem Bildschirm sammelt sich der Scherbenhaufen der Nacht. Drei Anfragen für ein Sexdate, zwanzig Facebook-Kommentare seit 4.30, da schlief ich wohl ein. Nichts von Interesse.

Ich rufe das erste Mal meine E-Mails ab und freue mich, dass noch niemand schrieb. Spiegel-online lässt die Welt untergehen und auf Twitter verkündet Altmaier, wohin er geht. Zähne putzen.

Drei Städte erwarten mich heute. In der ersten bin ich erwacht. Es ist 6.30 Uhr. Aus dem Haus – warten auf den Bus. Nachrichten checken. Tote in Aleppo. Die Bahn-App zeigt an, dass mein Zug sich fünf Minuten verspätet. Acht Minuten Umsteigezeit an der folgenden Station. Reicht.

Verschlafe Gesichter – meines wohl auch. Draußen fahren Bäume vorbei. Ich lese Facebook-Postings meiner Freunde. Zu viele. Kenne persönlich sechshundert. Irgendwas mit sozial schwachen Kindern und Ferienfreizeiten. Ich spende vierhundert Euro dafür. Ich war früher auch im Zeltlager, da waren Handys verboten.

Ankunft am Umsteigebahnhof. Ich kenne ihn gut. Gestern und morgen war und werde ich – egal – ich kenne ihn gut. Drei Minuten. Reicht für Kaffee am Kiosk. Mein Smartphone kennt das W-Lan-Passwort des Ladens. Ich kann Bahnhofsbrötchen nicht mehr sehen, hab aber Hunger. Matschige Remoulade statt Butter. Gleis drei, Abfahrt.

Funklöcher auf der Strecke. Der ICE fährt zu schnell für gute Verbindungen. Ankunft und endlich Mails abrufen. Warum ich endlich sage? Weil ich Stress dadurch vermeide, dass ich Arbeit im Fluss halte. Ich antworte schnell von unterwegs, räume ständig meinen virtuellen Schreibtisch leer. Befreie mich von Arbeitsbergen.

Mein Smartphone leitet mich sicher durch die Straßen der fremden Stadt. Ich komme pünktlich an und löse Panik aus. „Mit Apple haben wir nur Probleme“, sagt die nette Dame, als sie mein Macbook sieht. Sie ist um die fünfzig und Studienrätin. Ich schließe den Beamer an – zwei Klicks – das Bild erscheint.

Ich spreche über digitale Demokratie. Applaus und viele Bedenken. Ich setze Gedanken in Brand, aber die Angst vor Kontrollverlust löscht sie ganz gut. Und außerdem sei die Welt ganz unkritisch geworden. Ich schmunzle. Sie lesen die Kritik an der Welt und an ihnen selbst nur auf twitter nicht mit.

Der nächste Zug. Ich blogge. Parallel sende ich pausenlos hundertvierzig Zeichen in die Welt. Antworten aus Bayern, London und Berlin. Obama folgt mir jetzt. Der nächste attraktive Mensch ist 3,6 Kilometer entfernt. Ich fahre vorbei. Er schreibt mich an – zu spät.

Ein Treffen, Geplauder, es geht nicht ums Geschäft. Ein Auftrag folgt.

Zwei Eilmeldungen. Die Tagesschau war schneller als SPON. Auf Whatsapp sind es jetzt 74 ungelesene Nachrichten. Nachmittag. Ich google das nächste Fitnessstudio meiner Kette. Sportsachen habe ich immer dabei. Es ist leicht gefunden und hier schreibe ich nun.

Zum Glück gibt es Dinge in der Welt, die überall gleich aussehen. Vapiano, Starbucks und Hipster zum Beispiel. Uniformierte Individualität. Man weiß, was man bekommt. Wo ich heute Nacht schlafe, habe ich noch nicht entschieden.

Per Twitter beschimpfe ich mich mit einem führenden Politiker. Wir stellen fest, wir sind nur 2 Kilometer voneinander entfernt. Treffen spontan in einer Bar an der Ecke mit ausgezeichnetem Wein. Überraschenderweise ist das Gespräch heute gut. Wir spinnen beide Ideen. Erfrischend unideologisch das Ganze.

Ich habe Ihnen vergessen zu sagen, dass ich auch telefoniere. Denken Sie es sich einfach dazu. Ich tat es den ganzen Tag. Laut Datenlage habe ich es heute einhundertdreiundachzig Minuten getan. Auch mit Mama.

Obama schickt mir eine neue Wahlkampfidee. Sie begeistert mich. Rechnungen schreiben und ein Gedicht. Ich lese gelangweilt Bewerbungsschreiben. Sie hat kein Studium abgebrochen an der Universität Berlin, Toulouse, Boston und kann gut im Team arbeiten, ich nicht.

Die Party am Abend ist ganz okay. Ich traue mich niemanden anzusprechen. Spät in der Nacht löse ich das Problem digital.  Vierhundertdreizehn Meter Entfernung. Wir fragen einander gleichzeitig nach Sex. Netter Zufall. Treffen in zwei Minuten. Recht hübsch und wirklich athletisch – wir sprechen – heute sind wir beide  nicht schön. Ich verabschiede mich und bleibe allein. Trivago spuckt ein Hotel aus. Zehn Minuten Taxi. Es ist 4.30 Uhr, Adieu.

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