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Start Up Gründer am Abgrund der Moral

Hallo lieber Gründer, den ich kürzlich auf einem Gründerstammtisch traf,

ich möchte Dir schreiben. Das Gespräch mit Dir war scheiße. Es fing schon ätzend an, als Du auf den Mindestlohn geschimpft hast. Du hast Dich geärgert, dass man Praktikanten schon nach drei Monaten Mindestlohn zahlen muss. Bis dahin war das Gespräch schon schlecht, aber es ging noch schlimmer. Denn Du hast Dich nicht aufgeregt, dass Du jetzt gesetzlich verpflichtet bist, mehr zu zahlen, sondern, dass das Mindestlohngesetz Dich zwingt, ÜBERHAUPT EINEN LOHN ZU ZAHLEN.
Dein Geschäftsmodell basierte darauf, Leuten „eine Chance zu geben, sich zu beweisen“. Sie durften dafür ein Jahr für Dich arbeiten für den geilen Lohn von 0 Euro. Alter, geht’s noch?

Ich bin auch Gründer und Du widerst mich an!

Ich bin Gründer. Mein Unternehmen ist vier Jahre alt und seit vier Jahren profitabel. Wir beschäftigen mehrere Menschen. Alle verdienen über Mindestlohn und sind in den allermeisten Fällen unbefristet. Im Urlaub rufe ich nicht an und es gibt keine Überstunden ohne Ausgleich. Das ist nicht immer einfach, aber ich bin auch nicht angetreten, um ein Arschloch zu werden.

Ich verstehe Dich nicht – wirklich nicht. Wie wird man denn so? Wie genau kann man sich selbst so geil finden, dass man der Arbeit des Gegenübers keinen Gegenwert mehr zumisst? Wie nur kann man so sehr in den Abgrund seiner eigenen Moral stürzen, um ein teures Auto zu fahren? – Wie billig ist das denn? Hast Du nichts gelernt? Keine Moral, keinen Ethos? – Ach, Du verstehst es ja doch nicht.

Ich versuche es mal mit ein paar Argumenten, die Du in Deiner Ich-Bezogenheit vielleicht annehmen kannst.

Warum das auch unternehmerisch dumm ist?

Fachkräfte zu bekommen ist schwierig. Das geht Dir genauso wie mir. Der Unterschied zwischen uns beiden ist, dass Du Dir aus Profitgier den Lohn für die Arbeit Deiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sparen willst. Dadurch, dass Du keinen Lohn zahlen willst, bekommst Du für Deinen Laden nur Kinder reicher Eltern. Denn natürlich leben Deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von irgendwas. Nur eben nicht von der Arbeit, die sie für Deine Armbanduhr leisten. Sie leben von ihren Eltern. Weil aber nur wenige Leute reiche Eltern haben, ist Dein Fachkräftepool klitzeklein. Die Besten werden sich nie bei Dir bewerben, denn wer ist schon so dumm und arbeitet ein Jahr „für umsonst“ für eine Firma, statt für eine Hilfsorganisation? WOW, Glückwunsch, das klingt bei Dir alles echt nach einer langfristig klugen Strategie. Nur zur Sicherheit: Der letzte Satz war Ironie.

Es gibt aber etwas, das ist noch viel fataler, als Deine strategische Begrenzung des Fachkräftepools: Dein Narrativ ist scheiße! Langfristiger Erfolg ist keine Kalkulation, sondern eine Erzählung. Wer den Markt verstanden hat, wird das schnell bestätigen. Ich ahne, dass Du gerade denkst: „So ein Blödsinn“. Diese Wertung ist das eine Problem, über das Du dringend nachdenken solltest.

Du setzt Dein Unternehmen dem bittersten Preiskampf aus. Du senkst Deine Kosten, statt die Qualität zu verbessern. Du hast da draußen keine echten Verbündeten. Da ist niemand, der für dich in die Bresche springt, wenn es Deinem Unternehmen nicht gut geht, weil Du kein Guter bist. Du hast bewiesen, dass Du rücksichtslos bist. Die anderen werden Dir beweisen, was der Preis dafür ist.

Du denkst nur an Dich. Du denkst nur an Deinen Erfolg. Beides ist charakterlich nicht geil, aber irgendwie noch verstehbar. Was ich nicht verstehe, ist, warum Du dich bei diesem Denken so wenig anstrengst. Beim Schach gewinnt man doch auch nicht, wenn man nur über den nächsten Zug nachdenkt. Schau ein bisschen weiter – nur einmal bis zum Horizont, statt nur zum Gartenzaun. Könnte helfen. Lerne, dass langfristiger Erfolg keine Kalkulation ist, sondern eine Erzählung. Viel Erfolg!

Liebe Mitlesende,

ich frage mich, wie konnten die so werden?

Ich frage mich, wie Menschen meiner Generation so werden konnten? – Mir begegnen diese Muster absoluter Ich-Bezogenheit immer wieder bei Gleichaltrigen. Sie sind geradezu typisch. Das unterscheidet uns Dreißigjährige von denen, die fünf Jahre jünger sind als wir. Die Generation nach uns ist irgendwie besser geraten, als wir selbst. Die streben nur nach Ruhm, aber nicht nach Ausbeutung anderer.

Vielleicht liegt es an den zehn Jahren, in denen wir wirtschaftlich sozialisiert wurden. Grob zwischen dem Jahr 2000 und 2010 erwachte und wuchs unser Bewusstsein für wirtschaftliche Zusammenhänge. Es war eine Zeit der Dauerkrisen. Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, Bankenkrise und immerfort die Erzählung, dass wir mal keine Rente bekommen werden. Es war eine Zeit der Depression und der Angst. Menschen verloren ihr Erspartes. Beinahe jede Ausbildung und jeder Studiengang führte scheinbar zwangsläufig in die Arbeitslosigkeit. Leichtigkeit? – Fehlanzeige!

Wenn Unsicherheit und Angst, Depression und fehlende Rentenaussicht Menschen hervorbringen, die unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt durch ihr wirtschaftliches Verhalten zerstören, dann ist es mehr denn je geboten, gegen diese Dinge politisch vorzugehen. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man die versaute Moral vieler meiner Gleichaltrigen heilen kann – aber ich habe nicht die Hoffnung aufgegeben, dass wir dafür sorgen können, dass die kommenden Generationen nicht wieder so enden.

Die Jungen brauchen in unserer Gesellschaft Perspektive. Nicht nur jetzt im Boom, sondern auch, wenn der nächste wirtschaftliche Abschwung kommt. Ich kann das fortlaufende Hans-Werner-Sinnsche Narrativ von den immer schlechter finanzierten Rentenkassen der Zukunft nicht mehr hören. Wer sagt eigentlich, dass eine Umlage, die sich aus Produktivität ergibt, in Zukunft nicht mehr aufgehen kann? Wieso wird immerfort das Soziale der Zukunft in Frage gestellt, wenn genau dieses in Frage stellen das Soziale von heute unterminiert? Ich hätte eine Vermutung. Diejenigen, die so massiv an der sozialen Versorgung von morgen zweifeln, sind die Gleichen, die gerne die soziale Gegenwart verschlechtern würden. Ich fürchte, sie haben die Wechselwirkung zwischen erzeugter Angst und dem sich daraus ergebenden Anwachsen ihrer Zielgruppe der Arschlöcher verstanden. Dagegen hilft nur Sicherheit und Hoffnung, Zuversicht und ein klares Rentenversprechen auch für meine Generation. Dann werden auch die Jungen voller Zuversicht ihr Leben auf der Seite der moralisch Guten leben.

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