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„Jünger und weiblicher“ – Sind die Kategorien der SPD-Erneuerung so richtig?

„Die SPD muss jünger und weiblicher werden“ – vielfach lese und höre ich gerade diese Forderung. Sie wird zumeist von denjenigen vorgebracht, die Veränderung in der SPD wünschen. Sie tritt nur seither nicht ein, weil diejenigen, die weder jung noch weiblich sind, die Forderung blockieren. Da wird das Urteil über die heutige Parteiführung dann schnell gefällt: Machogehabe & Angst vor dem Machtverlust.

Nundenn, ich denke ernsthaft drüber nach, was sich ändert, wenn die SPD jünger und weiblicher wird. – Für mich wäre das im Grunde kein Problem. Ich kandidiere für nichts und habe kein Amt. Nichts zu verlieren also. Aber mir stellt sich die Frage, was würde denn anders? – Die bittere Erkenntnis: Erstmal nichts. Mir fallen in der SPD nämlich eine ganze Menge mental vergreiste junge Menschen ein und neben ganz großartigen Frauen auch welche, die bösartig, intrigant und fachlich faul sind. – Es kommt also darauf an, mit wem unter den jungen und wem unter den Frauen die SPD sich erneuert.

Ich finde die Kategorien „jung“ und „weiblich“ schwierig, weil sie kein Qualitätssignum sind. Mit beiden Eigenschaften kann man absolut großartig, aber eben genauso gut auch ein Arschloch sein. Darüber hinaus haben beide Kategorien einen katastrophalen Effekt auf die innere Mobilisierung unserer Partei. Denn die besteht – das muss man zu Recht kritisieren – aus vielen alten Männern, die am Gewohnten festhalten wollen.

Aber was macht das mit den älteren, männlichen Mitgliedern, wenn sie regelmäßig zu hören bekommen, sie würden wegen ihrer Körperlichkeit für die Entwicklung überflüssig oder gar zur Belastung? – Meine These, diese Männer haben dann, wenn sie so strukturell ausgeschlossen werden, schlicht keinerlei Interesse daran, die Erneuerung der Partei voran zu treiben.

Die Kategorien besser wählen

Was wir mit den Kategorien „jung“ und „weiblich“ versuchen, auszudrücken, ist doch mehr als ein physisches Alter oder ein Geschlecht. Wir versuchen vor allem einen Wandel in der inneren Art und der Außenwahrnehmung der Partei herzustellen. Was meinen wir denn, wenn wir uns wünschen, dass mehr Frauen in Ämter kommen? – Doch sicherlich nicht, dass diese Frauen sich genauso verhalten sollen wie die Männer, die sie ersetzen sollen! Wir wollen, dass sich etwas ändert.

Daher schlage ich drei neue Kategorien vor, unter denen wir den erfolgreichen Wandlungsprozess beschreiben: „vielfältiger„, „freundlicher“ und „wissbegieriger„.

Vielfältiger sollte die SPD werden, weil sie dann das Potential hat, als Volkspartei ein besserer Spiegel des Volkes zu sein. Dabei beschränkt sich Vielfalt nicht allein auf ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter und der Generationen, sondern vor allem auch auf eine breite Aufstellung unterschiedlicher Soziokulturen. Fünf traditionelle junge Frauen und fünf traditionelle junge Männer zusammen genommen sind nämlich noch kein Aufbruch, sondern bestenfalls eine Ortsgruppe der Jungen Union.

Wenn wir Vielfalt in der Partei zum Ziel ausrufen, dann dürfen wir auch über Quoten reden – wohlwissend, dass diese im Falle der Frauenquote absolut notwendig sind – aber zugleich auch wohlwissend, dass zu viele Quoten nebeneinander die Partei auch völlig lähmen können. Vielleicht lohnt aber auch der Blick über das Konzept der Quoten hinaus. Beispielsweise durch eine massive Fortbildung unserer Funktionäre in der Technik des Diversity Managements. Denn man kann zwar viel über Statute regeln, aber ohne einen inneren Willen zu mehr Vielfalt, sucht man sich dann doch eben vor Ort nur wieder eine Frau, einen jungen Menschen, eine Migrantin, jemanden ohne Abitur, der oder die genau dem eigenen Wesen entspricht, anstatt den Gewinn in der Unterschiedlichkeit zu suchen.

Freundlicher scheint mir geradezu die entscheidende Kategorie. Freundlichkeit ist eine Eigenschaft, die deutlich mehr Frauen an den Tag legen als Männer. Damit ist sie auch ein Faktor der Verweiblichung der Partei, aber gleichzeitig ist es eine Kategorie, die auch deutlich macht, welche Frauen und Männer wir genau nicht mehr länger ertragen wollen.

Das Parteileben lebt doch davon, dass sich Menschen in der Partei wohl fühlen können. Nicht zuletzt mangelnde Freundlichkeit sorgt vielerorts dafür, dass die Ortsvereine vor sich hin darben. Man hat schlicht keine Lust dort mitzumachen, wo die Leute zueinander scheiße sind.

Wissbegieriger erscheint mir eine klügere Kategorie als jung zu sein. Denn Jugend an sich ist kein Wert, aber genau die Haltung, die bei jungen Menschen deutlich öfter vorkommt, nämlich voller Begeisterung sich auf das Neue zu stürzen ohne allzu viele Bedenken ist das eigentlich Spannende.

Wissen macht die Partei stark. Wenn wir nicht nur in althergebrachten Konzepten denken, sondern voller Lust in alle Richtungen schauen, wie man noch neu, anders, interessant und kreativ denken kann.

Kategorien, die vor Ort helfen

Die drei Kategorien „vielfältiger“, „freundlicher“ und „wissbegieriger“ haben einen Vorteil: Sie schließen niemanden aus, der sich verändern möchte. Selbst ein alter Mann in der SPD kann sich darum bemühen zu anderen Leuten freundlicher im Umgang zu sein, mehr Vielfalt um sich herum zuzulassen und sich wissbegierig auf Neues einlassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er es tut, ist nicht sonderlich groß, aber die Möglichkeit ist gegeben. Damit machen wir deutlich, dass der Veränderungsprozess der Partei für niemanden ausschließend ist, so man denn die Bereitschaft zeigt, an diesen drei zentralen Punkten an sich selbst zu arbeiten.

Alle drei Kategorien lassen sich aber vor allem prozessual vor Ort angehen und stärken. Mit Wissbegier und Freundlichkeit kann man direkt starten. Ersteres zum Beispiel dadurch, dass man neue und andere Referenten zu Sitzungen einlädt, dass man hinaus geht in Betriebe und Einrichtungen, die man noch nie besucht hat, durch neue Technologien und das ausprobieren neuer Formen. Und Zweiteres vor allem dadurch, dass man sich gegenseitig darauf hinweist, wenn einer nicht freundlich ist und redlich versucht das miteinander zu ändern.

Der Vorteil: Kommt man bei der Freundlichkeit und bei der Wissbegierigkeit voran, dann wird man ein bisschen mehr wie Katharina Barley und Lars Klingbeil – und das wäre für unsere Partei insgesamt nun wahrlich schön.

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