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Seit 1477 – Das Machtnetzwerk der Uni Tübingen

Tübinger Uni-Alumnis haben etwas gemeinsam. Alle haben sie sich für eine Uni in der schwäbischen Provinz entschieden. Während Freunde in die Metropolen zogen, fragten sie sich jedes Wochenende, wie die Stadt mit dem jüngsten Alterschnitt Deutschlands nur so unfassbar langweilig sein kann. Doch wer es aus hält, in Tübingen anzukommen, hat beim Gehen ein mächtiges Netzwerk hinter sich.

Seit über 500 Jahren wird in Tübingen gelehrt. Philosophen, Dichter, Naturwissenschaftler und große Theologen sind Absolventen der Eberhard-Karls Universität. Es ist eine Universität mit international exzellentem Ruf, die fast jeder nach Abschluss des Studiums erleichtert verlässt, um nicht mehr wieder zu kommen.

Auch ich habe Tübingen erleichtert verlassen. Ich zog nach Köln und zwar genau in die Mitte der Millionenstadt. Seither kann ich jedes Wochenende frei entscheiden, worauf ich Lust habe, anstatt Freunde verzweifelt zu fragen, wo man denn irgendwie den Samstag Abend rum kriegen kann, ohne sich allzu sehr zu Tode zu langeweilen. Seit ich die Uni verlassen habe, hat es mich nur noch selten nach Tübingen gezogen, aber die Stadt begegnet mir fast überall, wo es um Macht und Einfluss geht.

Von Beruf bin ich Politikberater und egal wo ich hin komme, ich treffe Tübinger. An politischen Schlüsselstellen sitzen recht häufig Absolventen unserer Universität. Finden zwei Tübinger Absolventen heraus, dass sie eben solche sind, gibt es eine unsichtbare Verbindung weit über Parteigrenzen hinweg. Es haben eben beide das gleiche Elend am Neckar durchlebt.

In Tübingen kann man im Grunde nie etwas besonderes erleben. Wenn es aber ausnahmsweise passiert, ist es eine kollektive Erinnerung.

In Tübingen kann man im Grunde nie etwas besonderes erleben. Wenn es aber ausnahmsweise passiert, ist es eine kollektive Erinnerung.

Tübingen gehört zu den besten Universitäten, auch wenn manches Gebäude große Risse im Beton hat. Manchmal mag man meinen, die Altehrwürdige hätte ihre Strahlkraft verloren, aber dann begegnet man ihnen eben doch, den großen Namen und den herausragenden Gedanken. Wo sich andernorts die Studierendenschaft nach der Vorlesung zerstreut, da ist sie in Tübingen gezwungen, den Diskurs weiter zu treiben, weil sie tagsüber so eng aufeinander sitzt. Abends dann, bleiben in der Stadt nur noch diejenigen zurück, die sich nicht für die Uni entscheiden haben, weil sie geschickt in der Nähe des Elternhauses liegt, sondern weil sie an dieser großen Uni studieren wollten. – Im Übrigen eine Entscheidung, für die sich wohl jeder weltoffene und wissensdurstige Tübinger Student mehr als einmal pro Semester selbst verflucht.

In Tübingen muss man sich damit arrangieren, dass man Abends kaum in geschlossenen Kleinstgruppen existieren kann. Die Kommilitonen von der schwäbischen Alb sind in ihre Dörfer und Elternhäuser entschwunden. In der Stadt herrscht eine gespenstische Leere. Es ist so wenig los, dass man nur, wenn man sich über Fakultäten, Milieus, Jahrgänge und ideologische Orientierungen hinweg zusammen tut, eine annehmbare Party zu Stande bringt. Daraus erwächst ein Netzwerk, das Tübinger überall in der Republik mächtig und einflussreich macht.

Fluchtpunkt Tübingen

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Es gibt weniges, was man über Tübingen wissen muss. Was aber alle wissen, ist, dass man mindestens behauptet, Goethe habe gegenüber der Stiftskirche gekotzt.

Fast niemand bleibt dauerhaft in Tübingen. Die Stadt ist so jung, weil dort kaum jemand freiwillig alt wird. Genau in dieser Flucht aus der Stadt nach dem Studium, liegt die Stärke dieser Universität. Die Absolventen zerstreuen sich in alle Himmelsrichtungen, sie setzen sich nicht rund um ihre Uni fest. Sie strömen endlich befreit durch ihren Abschluss in die Metropolen der Republik und finden dort schnell in anderen Tübinger Absolventen Verbündete. Man hat gemeinsam diese Stadt durchlebt, das verbindet.

Tübingen ist unser Fluchtpunkt. In der Stadt laufen alle unsere Linien zusammen. Eine Verbindung, die weit stärker trägt, als die meisten anderen. Man hilft sich untereinander anzukommen, durch Tübinger Netzwerke fließen Informationen schneller durch die Republik, man macht sich gegenseitig Türen auf. Das Tübinger Netzwerk ist so stark, weil wir von jedem Absolventen eines wissen: Wer diese Stadt bis zum Abschluss überstanden hat, der tat es aus Liebe zu seinem Studienfach. Daher kann man sich auch guten Gewissens darauf verlassen, dass Tübinger ihr Handwerk verstehen.

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