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Reformation & Rechtspopulismus

Wie von vielen gewünscht, hier ein Mitschnitt meiner Rede bei den Wittenberger Gesprächen zu „Reformation & Rechtspopulismus:

Auch als Manuskript: 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Haseloff, sehr geehrter Herr Bundespräsident a. D. Wulff, sehr geehrter Herr Bundeskanzleramtsminister Altmaier, sehr geehrter Herr Professor Schorlemmer,

ich bin der vorletzte Redner in einer Reihe, in der schon viel Kluges gesagt wurde und ich hoffe, meinen Teil zu einer Perspektiverweiterung noch beitragen zu können.

Zuvorderst möchte ich aber Ihnen, Herr Ministerpräsident gratulieren. Ich habe schon viel von Ihren großartigen Witz in Reden gehört, aber dass Sie es schaffen im 500. Reformationsjahr in Wittenberg ganze vier Katholiken sprechen zu lassen und nur einen Protestanten, das ist genau mein Humor.

Nundenn, so muss ich als Katholik vielleicht zuerst beantworten, was wir denn zu feiern haben? Aus katholischer Sicht mit Sicherheit nicht die theologische Wende. Aus katholischer Sicht mit Sicherheit nicht die Begründung des Protestantismus. Aus katholischer Sicht gibt es – nunja im Grunde nicht mehr zu feiern als aus atheistischer Sicht. Aber vielleicht ist es genau deshalb so klug, vier Katholiken nach Wittenberg zu laden, weil wir alle in einem Land in dem die allermeisten Menschen konfessionslos sind, die Frage ohne protestantische Euphorie – falls es denn so etwas überhaupt gibt – beantworten müssen: Warum?

Für mich ist das Entscheidende an der Reformation für Deutschland nicht die theologische Wende. Das bitte ich all die vielen Protestanten im Raum zu entschuldigen. Dennoch keine Sorge – auch für mich ist die Reformation existenziell wichtig. Dieses Reformationsgedenken hier in Wittenberg ist für mich so entscheidend, weil sich hier vor 500 Jahren etwas in einem Moment verdichtet. Es verdichtet sich in einem Moment – und, wenn man nicht so genau hinsieht, hat es sogar den Anschein, es verdichte sich nur in einem Menschen: Martin Luther –
Es verdichtet sich zum Einen die Schaffung der Grundlage der deutschen Sprache durch die Übersetzung der Bibel und die Schaffung der Freiheit von Angst durch das Zerbrechen der einen katholischen Kirche.

Wir alle sprechen lutherisch. In Redewendungen, in Zitaten und nicht zuletzt in unserem alltäglichen Vokabular. Damit gelingt Luther etwas, was davor undenkbar war: Die auf deutschem Gebiet Lebenden können sich leicht verständigen – mal von den Niederbayern abgesehen, bei denen das bis heute nicht klappt –  und bekommen mit einer gemeinsamen Sprache ein einigendes Band, das sie einige hundert Jahre später zu einem gemeinschaftlichen Empfinden als Deutsche führt. Dieses gemeinschaftliche Empfinden ist die Voraussetzung für Solidarität. Gemeinschaft zu empfinden, sich zueinander zugehörig zu empfinden, macht erst die demokratische Revolution von 1848 möglich, sie bringt die Arbeiterbewegung hervor und bedingt damit unseren gesamten Sozialstaat – führt langfristig aber auch zu einem überhitzten Nationalismus, Abgrenzung und Krieg, hat aber bis heute noch immer Bestand, wenn wir sagen: Wir sind die Deutschen.

Das Zweite, was sich im Moment der Reformation begründet, ist das Aufbrechen dieser übermächtigen Wahrheitsinstanz des Katholizismus. Die alleinige Wahrheit zerbricht in zwei Teile. Und nichts passiert. Es kommen keine Blitze vom Himmel. Es gehen nicht die Tore zur Hölle auf. Schlicht, es passiert nichts.

Endgültig ist bewiesen, dass es mehrere, widerstreitende Positionen geben kann. Die Voraussetzung von Aufklärung und moderner Philiosophie und Wissenschaft. Die Voraussetzung unseres demokratischen Gesellschaftsentwurfs von heute. Ein Widerstreit der Perspektiven an Stelle gesetzter Wahrheit und damit FREIHEIT.

Genug zu feiern also selbst für jeden, der kein Protestant ist, selbst für Katholiken, Atheisten und alle anderen Staatsbürger und Demokraten jedweden Bekenntnisses.

Aber Sie Herr Ministerpräsident waren so frei, uns nicht zu einem Reformationsgedenken einzuladen. Sondern Sie stellen die Frage: „500 Jahre Thesenanschlag: Stehen wir erneut vor einer Reformation“

Ich könnte diese Frage mit einer binnenkirchlichen Perspektive beantworten. Denn sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche gibt es genug zu tun. Bindungen zum Volk brechen ab. Es kommt zunehmend zu einer Entfremdung. Ein neuer – radikaler – Aufbruch in Sprache und Theologie wäre längst von Nöten, bleibt aber aus. Aber hier in Sachsen-Anhalt mit über 80% Konfessionslosen scheint mir das zu sehr ein Randthema zu sein.

Also greife ich Ihre Frage auf, Herr Ministerpräsident, und frage weiter: Braucht unsere Gesellschaft eine neue Reformation – komme sie nun aus der Kirche oder sonst woher?

Voraussetzung wäre für mich, dass nicht-theologische, systemische Negativeffekte in unserer Gesellschaft sich verdichten: Eine Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft. Ein Zusammenbruch des Gemeinschaftsgedankens. Ein Verlust unserer Sprache. Ein Aufgeben des Prinzips der widerstreitenden Positionen zu Gunsten einer allein selig machenden, staatlich verordneten Glaubensgewissheit.

Und schon stelle ich fest, Ihre Frage „stehen wir vor der nächsten Reformation?“ ist mehr als berechtigt.

Es gibt Menschen, die unser Deutschland heute so empfinden. Als bräche gerade das das gemeinschaftliche, das demokratische Deutschland auseinander.

Menschen, die sich die Legitimität zusprechen, eine neue Umwälzung der Gesellschaft zu betreiben.

Es sind Leute, die Medien und Politik Verrat vorwerfen. Es sind Leute, die gegen unsere bestehende Ordnung demonstrieren. Es sind Menschen die Schutzbedürftigen zurufen „Weg mit dem Pack“ und der Vizekanzler schreit zurück „ihr seid das Pack“. Was für eine Eskalation.

Am Anfang – vor wenigen Jahren war doch noch alles in Ordnung. Ein paar Leute demonstrierten. Ein paar glaubten an Chemtrails am Himmel. Ein paar Spinner nannten sich Reichsbürger. Ein paar witterten ein politisch-mediales Meinungskartell aus Gutmenschentum, das staatlich verordnet allein selig machen sollte.

Es waren die üblichen Verdächtigen, die da krakeelten. Die gleichen, die es immer gab und immer geben wird.

Binnen kürzester Zeit, haben wir jedoch erlebt, wie übermächtig diese Theorien und Ideen rund um uns herum werden konnten. In Ihrem Landtag, Herr Ministerpräsident, sitzen heute nicht wenige Abgeordnete, die genau diese Thesen teilen.

Mich erinnert das an die Reformation.

– Und meine Damen und Herren missverstehen Sie mich bitte nicht als Gegner der Reformation und des Protestantismus, wenn ich einen recht forschen Vergleich zur aufgeheizten politischen Stimmung in Sachsen-Anhalt vortrage –

Auch vor 500 Jahren brach scheinbar über Nacht eine bis dato unerschütterliche Ordnung auseinander. Und auch damals begann es scheinbar mit ein paar Spinnern. Mit einem Mönch mit irren Thesen. Mit einer kleinen Demonstration in Wittenberg – am Arsch der Welt.

Hier in Wittenberg wäre diese Reformation auch wieder zu Ende gegangen, wenn nicht gleichzeitig eine neue mediale Realität existiert hätte. Mit der Druckerpresse konnte protestantischer Populismus – nichts anderes war das aus der Perspektive von damals nämlich – schlicht eine Beschimpfung der bestehenden Ordnung auf unterstem Niveau – massenhaft verbreitet werden.
Denn immer definiert zuerst der Status Quo, was wahr ist und alles, was aggressiv davon abweicht, gilt als populistisch.

Doch heute wie damals entfaltet dieser Populismus unter bestimmten Bedingungen gewaltige Kräfte.

Wie stark die Mechaniken des Populismus auch heute noch wirken, bekommen wir gerade in den USA und in Europa eindrucksvoll bewiesen.

Damals wuchs die Bewegung. Sie wuchs heran aus Menschen, die nicht voller Ehrfurcht auf die Kathedralen der Christenheit blickten, sondern anprangerten, dass sie deren Bau mit zu hohen Abgaben und Ablässen bezahlten. Es waren diejenigen, die dafür blechten, die sich hinter Luther sammelten.

Und als dann theologisch begründet wurde, warum man die so teuer bezahlte Kunst im Bildersturm von den Wänden reißen konnte, da rannten die Frustrierten los und zerstörten, was sie nicht mehr bezahlen wollten.

Mir kommt das verdächtig bekannt vor. Unsere Kunstwerke von heute sind eine weltoffene Politik, die Schutzsuchenden Unterkunft gewährt – und der durch Agitation in neuen Medien aufgehetzte Mob zündet eine dieser Unterkünfte nach der nächsten an. 3.500 Übergriffe auf Geflüchtete im Jahr 2016.

Damals wetterte man gegen den Bau des Petersdoms.

Unsere Kathedrale heute heißt Europa. Und wie damals ist sie Sinnbild der Verschwendung in den Augen der Abgehängten. Natürlich tobt der Mob nicht in Brüssel. Er tobte damals auch nicht in Rom. Er tobt wie immer in der Provinz – und zerstört all dasjenige, dessen er bei sich Zuhause habhaft werden kann.

Wohin das führt – Sie ahnen es schon – es führt in die Spaltung. Die Spaltung einer Gesellschaft, die kurz davor noch völlig geordnet wirkte.

Müssen wir nun die heutigen Populisten als die neuen Reformatoren betrachten? Ist unser Urteil über sie nur so harsch, weil wir an der bestehenden Ordnung hängen und die Zeichen der Zeit verpassen?

– In jedem Fall in dem Sinne, dass sie neue Medienrealitäten besser verstehen. Auf jedem Fall in dem Sinne, dass sie all die Techniken des Aufbrechens einer Gesellschaftsordnung anwenden, die vor 500 Jahren so eindrucksvoll erprobt wurden.

Aber – und das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem reformatorischen Aufbruch und einem zerstörerischen Rechtspopulismus: Die Reformation will immer die Freiheit von Angst. Die Rechten schüren die Angst.

Luther stand hier und gab den Worten der Engel „fürchtet Euch nicht“ eine neue Füllung. Er nahm den Menschen die Angst vor Gott und dem Fegefeuer. Er gab ihnen ein Leben in Freiheit. Die Freiheit zu denken, die Freiheit zu glauben, die Freiheit zu sein.

Diese Freiheit zu glauben, zu denken und zu sein wird angegriffen von Islamfeinden und Gegnern einer liberalen Freiheitsordnung. Und deshalb stehe ich als junger, freiheitsliebender Mensch vor Ihnen und fordere Sie auf:  Machen Sie als Verteidiger einer bestehenden Ordnung – in unserem Fall allerdings anders als damals einer Freiheitsordnung – nicht wie einst die Päpste in Rom und Fürsten im Reich die gleichen Fehler.

Der erste Fehler:

– Die protestantischen Reformatoren wussten, dass sie radikalisieren müssen. Sie erschufen herabwürdigende Karikaturen, sie beleidigten den Papst und seinen Klerus wo sie nur konnten. Sie scheuten keinen groben Ausdruck gegen die Eliten. Keine Vereinfachung war ihnen zu flach.

Die katholischen Eliten taten es ebenso – nur beleidigten sie nie Luther allein, sondern stets gleich das ganze Volk als Pöbel mit. Wenn aber Eliten die sowieso schon Schwachen auch noch demütigen und herabwürdigen – und sei es nur als eine Reaktion, dann löst dies Aggression aus und treibt die Menschen immer mehr und tiefer in den Widerstand.

„Ihr seid das Pack“ war die katholischste aller Reaktionen – und ich erinnere Sie ungerne daran, dass die Verteidiger der bestehenden Ordnung verloren haben. Aber ich höre die Herabwürdigungen nicht nur aus dem Kabinett. Ich höre sie auch aus Kunst und Kultur – mit Herabwürdigungsliedern von Karolin Kebekus „wie dumm du bist“, ich lese sie in Spott-Kommentaren über Rechtschreibfehler von besorgten Bürgern oder im Kabarett im Hauptprogramm der ARD vorgetragen. Natürlich lachen wir alle – wir lachen uns zu Tode.

Der zweite Fehler

– Die protestantischen Reformatoren damals vermengten reale Missstände mit ihrer theologischen Position.

Die katholischen Eliten reagierten aber stets nur auf die theologische Provokation, statt gesellschaftliche Missstände konsequent abzuschaffen.

Unsere Bundespolitik reagiert mir zu stark auf die Provokationen der Rechtspopulisten. Sie knickt mir – vor allem von München aus – viel zu sehr ein vor der ideologischen Position und ignoriert viel zu konsequent, dass es auch im seit Jahren andauernden Aufschwung eine viel zu große Masse an Menschen gibt, die nicht profitieren. In prekären Beschäftigungsverhältnissen und ohne Perspektive. Das müssten wir ändern – statt uns täglich über bewusst gesetzte Skandale zu empören!

Der dritte Fehler

– Nicht zuletzt nutzten die protestantischen Reformatoren alle neuen Medien in aller Konsequenz.

In den USA twittert sich ein Populist ins Weiße Haus. In Deutschland ist die radikalste Partei die mit der größten Reichweite auf Facebook. Während Frau Käßmann noch auf evangelisch.de darüber fabuliert, dass Facebook nichts Gutes sei, nutzen die anderen schon längst all diese Kanäle, um Menschen zu erreichen. Während die Grünen eine Selbstverpflichtung unterschreiben, keine Bots zu nutzen, haben die anderen sie schon.

Unsere Ignoranz gegenüber sich ändernden Kommunikationsgewohnheiten, gibt unserem Gegenüber erst die Chance sich durchzusetzen.

Wir stehen heute in der Verantwortung um der Freiheit Willen eine Gegenreformation gegen Rechtspopulismus zu organisieren. Nicht, weil wir uns gegen die Reformation von vor 500 Jahren stellen. Nein, sondern weil wir uns in ihrer Tradition gegen das Comeback der Angst stellen.

Ich kämpfe gegen die Kopie der Methoden der Reformation durch Rechtspopulisten, weil sie am Ende nur ein einziges Ziel haben: Mehr Angst und weniger Freiheit.

Mir ist aber Widerstand allein gegen einen rechten Aufbruch nicht genug.

Empfinden wir nicht auch eine Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft? Einen Zusammenbruch des Gemeinschaftsgedankens? Müssen wir nicht auch erschrecken, wenn Christian Wulffs großartige Selbstverständlichkeit „Der Islam gehört zu Deutschland“ eine Welle der Empörung hervorruft?

Ich stelle mir ausgehend von meinem Anfang die Frage, ob wir uns darin genügen dürfen, Gegenreformatoren gegen rechte Angstverbreitung zu sein? Reicht es aus, nur zu verteidigen? Oder sollten wir nicht doch selbst als echte Reformatoren gegen die Populisten stellen? – Als Menschen, die radikal die bestehende Ordnung angreifen, um die bessere Ordnung mit noch mehr Freiheit zu erschaffen.

Genau wie damals eine gemeinsam gesprochene Sprache aller im Reich unerreichbar schien, scheint uns das heute in Europa.

Genau wie damals eine gesamtdeutsche Solidarität undenkbar schien, scheint uns heute ein gesamteuropäisches Solidarempfinden.

Genau wie damals die bestehende Ordnung unausweichlich richtig erschien, erscheint uns heute der Nationalstaat unausweichlich.

Vielleicht ist es an der Zeit, mutig voran zu gehen und nicht nur zu verteidigen, was wir schon erreicht haben. Sondern das Neue zu erschaffen. Neuer Freiheit den Weg zu bahnen.

Was bei Luther hieß „von der Freiheit eines Christenmenschen“ muss bei uns heißen „von der Freiheit eines jeden Menschen“.  –  Freiheit von Nation und Grenzen – Freiheit von sozialer Benachteiligung und Ausbeutung. Freiheit vor prekärer Beschäftigung. Freiheit durch gerechten Lohn. Freiheit als kostenfreier Zugang zu Bildung und Freiheit in einem friedlichen europäischen Miteinander, Freiheit für sexuelle Identitäten bis zur gleichen Ehe für alle und ein Europa das sich gegenseitig so stark macht, dass es sich nicht zur Bastion ausbauen muss, an deren Küsten die Menschen ertrinken. Freiheit als Grundbegriff eines größeren Miteinanders, statt vieler kleiner abgegrenzter Egoismen. Freiheit eines jeden Menschen. Freiheit. Heute wie damals:

Die Freiheit von Angst – es lebe Wittenberg – es lebe die Reformation!

 

 

 

 

 

 

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