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Nur Mut, Gebhard Fürst, nur Mut!

Ein lieber Freund von mir wird einen Mann heiraten und wünscht sich den Segen seiner katholischen Kirche. Stefan Kaufmann ist sein Name und er ist von Beruf CDU-Bundestagsabgeordneter und bekennend schwul. Sein Bischof verweigert ihm die Genehmigung dieses Segens. Die Presse, die LGBT-Bewegten und alle Kirchengegner schreien laut auf. Das ist alles verständlich und berechenbar – wirklich sauer bin ich erst seit der Begründung durch Bischof Gebhard Fürst. Darum habe ich einen offenen Brief verfasst. – Selbstredend habe ich niemals eine Antwort erhalten (der Brief ging dem Ordinariat am 9. April 2015 zu). 

Sehr geehrter Herr Bischof Fürst,

ich kann akzeptieren, dass Sie die Segnung der Verbindung meines Freundes Stefan Kaufmann mit seinem Mann nicht genehmigen, auch wenn ich mir eine andere Entscheidung wünschen würde. Was mich wirklich ärgert, ist Ihre Begründung für die Ablehnung der Segnung. Sie schreiben, „die Verweigerung eines gottesdienstlichen Segens für gleichgeschlechtliche Partnerschaften stellt keine Herabwürdigung dieser Lebensform dar“ und weiter, es bestehe die hohe Wahrscheinlichkeit, „dass in der Öffentlichkeit der Unterschied zwischen einer Segnung homosexueller Paare und dem Ritus einer sakramentalen Trauung von Mann und Frau nicht wahrgenommen wird“.

Bitte entschuldigen Sie, Herr Bischof, aber diese Begründung halte ich nicht im Ansatz für stichhaltig. Ich beginne mit Letzterem. Wenn Sie in Sorge sind, dass es zu einer Uneindeutigkeit über die kognitive Interpretation der liturgischen Form durch den Menschen kommen kann, dann ist dieses Problem doch bereits durch die katholisch-liturgische Tradition hinreichend gelöst. Die exakte Abfolge bestimmter Rituale statuiert eine bindende Vereinbarung zwischen Gott und dem Menschen. Wird diese exakte Abfolge nicht eingehalten, ist eine Ehe nicht geschlossen. – Im Übrigen ein nicht selten geltend gemachter Grund für die Annullierung einer Ehe, der bei entsprechendem Videobeweis oder Zeugenaussagen problemlos zur Nichtigkeitserklärung eben dieser Ehe durch den Vatikan führt.

Liturgisch nicht haltbar

Liturgie, damit sie Gültigkeit besitzt, braucht kein Verständnis ebendieser durch die Menschen, die sie erleben. Sie will gar nicht verstanden werden. Sie ist ein Geheimnis, das Verbindungen zwischen Gott und dem Menschen erschafft und die Präsenz Gottes erlebbar macht. Entscheidend in unserem Glauben ist aber die erstere Dimension, nämlich dass der heiligen katholischen Kirche in ihrem Selbstverständnis die Macht auf Erden gegeben ist, verbindliche Vereinbarungen im Namen Gottes zu schließen. Damit diese Gültigkeit erfahren, müssen exakte Rituale befolgt werden – sie sind sozusagen ein Vertragsprozedere. Bei Verfahrensfehlern kann die Nichtigkeit geltend gemacht werden.

Was nun genau ist das Problem, wenn irgendjemand – selbst wenn es eine Masse an Menschen ist – das Ritual als Eheschließung missinterpretiert, obwohl keine Bindung vor Gott stattgefunden hat? Ist Missinterpretation nicht immer katholische Normalität gewesen. Hat nicht Athanasius der Große schon dargelegt, wie unwichtig das Verstehen des Rituals gegenüber dem Erleben und dem performativen Gott-Mensch-Bindenenden ist? Ihre Begründung ist in meinen Augen eine Flucht.

Sie Fliehen, statt standhaft zu sein

Sie fliehen, Herr Bischof. Sie fliehen vor Ihrem eigenen Glaubensbekenntnis, wie es Petrus, der Fels der Kirche es von Ihnen einfordert. „Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allzeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“ (1 Petrus 3.14-15).

Ich bin verärgert, weil Ihre heutige Verlautbarung zu diesem Thema eine Flucht ist. Sie flüchten sich hinter eine liturgisch irrelevante, hypothetisch auftretende Wahrscheinlichkeit der Möglichkeit einer Verwechslung zweier grundverschiedener Rituale. Sie flüchten davor, Position zu beziehen in einem Moment, da Ihre Kirchenmitglieder, die Öffentlichkeit und kirchenkritische Aktivisten und nicht zuletzt der Katholik Stefan Kaufmann von Ihnen eine klare Verlautbarung ihres Verständnisses vom christlichen Glauben einfordern.

Es ist eine Herabwürdigung

Sie schreiben, es handle sich nicht um eine Herabwürdigung dieser Lebensform. Ja was denn dann? Natürlich ist es eine Herabwürdigung und für diese gibt es genügend Material in der katholischen Tradition und in der heiligen Schrift, um sie zu rechtfertigen. Wenn Sie mich fragen, dann sehe ich persönlich das anders. Ich bin der Überzeugung, dass die Botschaft Jesu Christi zulässt, auch homosexuelle Paare zu trauen, aber der Punkt ist, dass unter Berufung auf den eigenen Glauben die Kirche die Herabwürdigung der einen Lebensform gegenüber der anderen betreibt. Solange das ihre Position im redlichen Versuch ist, Tradition und Offenbarung im Sinne Gottes zu interpretieren und in Regeln zu überführen, hat sie – das mag mich ärgern oder nicht – damit auch Recht. So ist die Natur des Glaubens an das Richtige und das Falsche und daran, dass die Kirche Hüterin des wahren Glaubens ist.

Wenn Sie nun aber eben nicht herabwürdigen wollen, wenn Sie mit Ihrem Verständnis vom christlichen Glauben der Überzeugung sind, dass diese Verbindung nicht herabgewürdigt werden darf, weil sie nicht falsch ist, dann hätten sie anderes begründen müssen. Sie hätten Position beziehen müssen und sagen, ich würde diese Verbindung gerne segnen, nur sind mir kirchenrechtlich die Hände gebunden. Das wäre eine starke Position gewesen, statt einer Flucht.

Wenn Sie der Überzeugung sind, dass diese Verbindung eine falsche ist, dann erwarte ich von Ihnen ebenso, dass Sie Position beziehen und sagen, dass diese Verbindung falsch ist und sie damit herabwürdigen. In dem Moment würden Sie zwar nicht meine Freundschaft ernten, aber doch meinen Respekt davor, dass Sie sich gegen einen Mainstream in unserer Gesellschaft stellen. Meinen Respekt davor, dass Sie bereit sind Rechenschaft über Ihren Glauben trotz allen Drohens abzulegen.

Ich kann akzeptieren, dass es Konservative gibt, die sich vehement gegen eine kirchliche Segnung oder gar Trauung von homosexuellen Paaren wehren. Ich habe Respekt vor ihrer Position. Ebenso bin ich begeistert davon, dass es Gläubige, Theologen und Priester gibt, die Position für die Segnung von Homosexuellen oder gar die Trauung beziehen. Sie alle haben meinen Respekt. Wovor ich keinen Respekt habe, ist die Flucht vor der eigenen Courage. Hören Sie auf zu fliehen, seien Sie bereit, Verantwortung zu übernehmen vor jedermann, der von Ihnen Rechenschaft fordert, über die Hoffnung, die in Ihnen ist.

Mit freundlichen Grüßen von Christ zu Christ,

Erik Flügge

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