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Mobile Seelsorgebeziehungen

Erik Flügge

Erik Flügge

Die jungen Menschen sind mobiler denn je. Sie verlassen ihre Heimatorte für Ausbildung, Studium, Beruf. Sie sammeln Auslandserfahrung und bleiben bereit, immer wieder umzuziehen und anderswo neu anzufangen. Dabei lassen sie Wohnungen, manche Möbelstücke und ihre Kirche zurück.

Eine Seelsorgebeziehung baut auf ein Vertrauensverhältnis. Dieses baut sich nur langsam auf und verstärkt sich im Lauf der Jahre. Es ist wie das Vertrauensverhältnis zum eigenen Hausarzt. Man sucht sich nur ungern einen neuen Arzt in einer fremden Stadt, aber irgendwann kommt eine Grippe und der Husten wird so stark, dass man es wohl oder übel tun muss. In der Seelsorge bleibt diese Notwendigkeit oft aus. In Zeiten akuter Krisen fällt es noch schwerer neu mit jemanden zu beginnen und sich zu öffnen. Da wird der Therapeut oder mancher Freund oder manche Freundin schnell zum Seelsorgerersatz. Eine kirchliche Vertauensperson am neuen Wohnort ist oft nicht bekannt.

Auch ich habe irgendwann einmal meine Kirchengemeinde zurück gelassen. Ich komme vom Dorf und war dort Ministrant und später Oberministrant. Ich hatte einen Schlüssel zur Kirche und verbrachte dort viel freie Zeit. Dann ging es an die Uni in eine fremde Stadt. Anschluss an eine neue Kirchengemeinde habe ich dort nie gefunden oder nie gesucht. Meine Kirche war schließlich die in der Heimat. Aber wie das so ist mit mancher Freundschaft – wenn man sich sehr selten begegnet – dann entfremdet man sich auch zuweilen und so riss auch mein Beziehungsfaden zur Kirchengemeinde zuhause ab.

Ich bin in der glücklichen Lage über verbandliche Jugendarbeit im BDKJ noch neue Beziehungen zur und mit der Kirche aufgebaut zu haben. Wenn ich nun entscheiden müsste, welchen Seelsorger ich im Falle eines Beratungsbedarfs anrufen soll, dann wohnt und wirkt dieser nicht in meinem Heimatdorf, sondern viele Kilometer davon entfernt und noch viel mehr Kilometer von meinem heutigen Zuhause in der Großstadt entfernt. Diese Beziehung ist stabil, obwohl wir uns nur noch alle paar Jahre gegenseitig besuchen, weil es einen Kontakt gibt, der Bestand hat. Manchmal schreiben wir ein paar Nachrichten hin und her. Ab und zu mal eine SMS. Zuweilen begegnen wir uns auf einer Veranstaltung oder besuchen uns bewusst. Die Beziehung hält, weil sie gepflegt wird und ist zur Freundschaft geworden.

Meine Geschichte hat Seltenheitswert. Sie beschreibt, wie über viele Ortswechsel hinweg eine Beziehung zur Kirche und ihrer Seelsorge erhalten bleibt, auch wenn der Anschluss an eine neue lokale Kirchengemeinde nicht gelingt. Sie hat Seltenheitswert, weil der Normalfall schlicht die Entfremdung des umher ziehenden jungen Menschen von der Kirche ist. Ein Fehler, der systematisch in der heutigen Struktur der lokal gebundenen Kirche angelegt ist.

Kirche kann man nicht mitnehmen, sie überbrückt keine Strecken – sie ist von ihrer institutionellen Struktur her immer lokal und territorial. Alle Beziehungen über Gemeinde-, Dekanats- und Diözesangrenzen hinweg sind nicht strukturell angelegt, sondern entstehen beiläufig und initiativ von Einzelpersonen. Warum gelingt es uns in der Kirche nicht, diesen Beziehungen einen Rahmen zu geben? 


Firmunterricht als Initiation einer Weggemeinschaft

Die strukturelle Einbettung der heutigen Mobilität in die kirchlichen Seelsorgebeziehungen ist kein unlösbares Unterfangen. Im Kern ist die Mechanik einer mobilen Beziehung anstatt territorialer Seelsorgehoheit recht einfach. Jede Beziehung beginnt mit einer Begegnung. In der Kirche finden diese Begegnungen oftmals im Jugendalter statt. Kommunion und Firmung sind die Initiationssakramente, in denen sich junge Menschen für die Mitgliedschaft in der Kirche entscheiden. Selbstverständlich ist für viele dieses Ritual sinnentleert, aber für einige eben auch nicht. Sinnig wäre im Anschluss an diese Initiation eine Weggemeinschaft zu bilden. Die zuerst lokal gelebt und dann mit dem weggehen aus beruflichen Gründen einen mobilen Charakter erhält.

Der Seelsorger wird in einer solchen Weggemeinschaft zum Bindeglied. Er schafft Angebote, die zur jeweiligen Lebenssituation der Gemeinschaftmitglieder passen. Er lädt ein-, zweimal pro Jahr ein, sich zu begegnen um über Berufswahl, Abschlussängste, Familiengründung oder die Unterbringung der eigenen Eltern im Pflegeheim miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das mit der Lebensphase der Weggemeinschaftsmitglieder mitwächst.

Dieser Seelsorger bleibt im Kontakt. Egal wo es seine Gemeinde hin verschlägt, er bleibt die Konstante auf dem Lebensweg, selbst wenn Freunde verloren gehen, Familien auseinander brechen oder ein neuer Umzug ansteht. Dieser Seelsorger ist auch der Priester, der ein Paar aus seiner Weggemeinschaft traut, weil er eine persönliche Beziehung zum Brautpaar hat. Er tauft die Kinder, die aus der Ehe hervor gehen, egal wo diese Familie dann ihren Lebensmittelpunkt hat.

Eine lebenslange Beziehung als Alleinstellungsmerkmal von Kirche

Es ist eng auf dem Markt der Sinnagenturen geworden. Kirche steht in Konkurrenz zu esoterischen Angeboten, zu Selbstverwirklichung, Therapie, religiösen Gemeinschaften und allen möglichen Anbietern von Sinn und Unsinn. Ihr fehlt in dieser Welt ein Alleinstellungsmerkmal, das sie stärkt und zum zentralen Ansprechpartner in seelsorgerischen Fragen macht. Dieses Alleinstellungsmerkmal kann eine lebenslange Beziehung werden. In einer Welt, in der sich so vieles auflöst, ist solch eine Beziehung etwas besonderes.

Möglich wird das Management solcher Beziehungen durch moderne Kommunikation. Es braucht nur alle paar Monate einen kurzen Chat, ein kurzes Nachfragen, eine Whatsapp-Nachricht oder einen Anruf. Vielleicht reicht auch ein schneller Kommentar unter dem Facebook-Posting eines anderen. Minimale Kommunikation hält Beziehungen aufrecht und wird damit leistbar. Und trotz dessen, dass es nur seltene Begegnungen miteinander und nur wenig Kommunikation gibt, festigt sich im Lauf der Jahre dadurch eine Beziehung zwischen dem Seelsorger und seinem Gemeindemitglied. Eine feste Beziehung, die den Seelsorger in der schweren Krise zum ersten und besten Ansprechpartner macht.

Eine mobile Seelsorgebeziehung überführt die Kirchengemeinde wieder in das, was sie lange gewesen ist und heute nicht mehr sein kann: Eine dauerhafte Beziehung. Das Konzept der Kirchengemeinde basiert im Kern auf dem Gedanken, dass Menschen am gleichen Ort aufwachsen, leben und sterben. Die Seelsorgebeziehung lebt vom sich gegenseitig kennen lernen und schließlich vom einander kennen. Mit der gesamten Geschichte – ein Leben lang.

Heute leben die Menschen nicht mehr in einem Ort. Sie gehen weg und müssen ihre Kirchengemeinde zurück lassen, weil die Kirche noch nicht bereit ist, sich mit auf den Weg zu machen.

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