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Literatur in der Krise.

In Zeiten einer globalen Finanz-, Wirtschafts- und Währungskrise wirkt die Politik orientierungslos, machtlos und schwach. So entwächst den immer komplexer werdenden Krisen der letzten Jahre auch eine manifeste Demokratiekrise und eine Krise der Politikvermittung. Überall werden die Rufe laut nach Sicherheit offerierenden Grundsatzreden, nach Ideen einer neuen Politik, nach dem großen Ganzen. Dieser Ruf adressiert eine Generation von Politikerinnen und Politikern, deren politisches Handeln technokratisch und den Augenblick verwaltend wirkt. Ein Umstand, der wohl in hohem Maße fehlender Abschätzbarkeit des Kommenden und einer kaum möglichen kognitiven oder emotionalen Erfassbarkeit der gesamten Krise und ihrer konkreten Auswirkungen auf den Einzelnen geschuldet ist.

Die Möglichkeiten der Politik die Krise zu erkennen sind begrenzt und dementsprechend schwach sind die Erklärungen des eigenen Handelns. Im tagesschau.de Interview wirbt daher die Medienwissenschaftlerin Gabriele Goderbauer-Marchner am 29.09.2011 dem wachsenden Desinteresse der Bürgerinnen und Bürger an der Euro-Krise entgegenzuwirken. Sie fordert: „Die Medien müssen die Euro-Krise besser erklären“. Das von ihr geforderte „besser erklären“ ist der Ruf nach dem in den Medienwissenschaften viel beschworenen Gleichklang der Unterkomplexität. Es ginge darum die „Kunst [zu] beherrschen, Kompliziertes einfach zu erklären“. Diese Suche nach dem kognitiv Verstehbaren redet der unzulässigen Weglassung von Faktoren und der Verkürzung der Problematik das Wort und reduziert die Breite aller Vermittlungsmedien auf die journalistischen. Goderbauer-Marchner verkennt in ihrer Analyse, dass eine sinnige Medienkritik die Eindimensionalität der heute als politisch relevant betrachteten Medien in den Fokus stellen muss, um über die mediale Vermittlung wieder Wege der politischen Orientierung deutlich zu machen. Die heutige Gesellschaft braucht nicht ein mehr an Dokumentationen und Leitartikeln, sie hat keinen Mangel an Erklärungen, sondern einen Mangel an Literatur.

Das Medium der Literatur ist durch seine längere Tradition den journalistischen Medien nicht überlegen, aber die Funktionen des Mediums der Literatur vermögen zu formulieren, was in keiner Tages- oder Wochenzeitung, in keinem Internetmedium und keiner Fernsehsendung fassbar wird. Literatur vermag Wirklichkeit retrospektiv zu verdichten und aus dieser Verdichtung prospektiv eine radikale zukünftige Wirklichkeit zu beschreiben, so dass Gesamtzusammenhänge zwar nicht verstehbar, aber erfassbar werden. Gerade in dem sich in der Literatur einstellenden Moment, dass menschliche Erfahrung nicht nur punktuell beschrieben, sondern in ihrer ganzen Komplexität exemplarisch herausgegriffen und schließlich vielleicht radikalisiert oder in phantastischer Weise präsentiert wird, ohne dabei einen gesamten Gesellschaftszusammenhang kognitiv erklären zu wollen, macht sie in Zeiten des Versagens kognitiver medialer Vermittlung zu einem spannenden Medium. Unsere heutige mediale Welt braucht daher kein weniger an journalistischen Artikeln, aber ein mehr an Literatur.

Gerade das 18., 19. und 20. Jahrhundert unterstreichen die zentrale politische und gesellschaftliche Funktion der Literatur. In allen drei Jahrhunderten, aber insbesondere im 18. Und 19. Jahrhundert, stehen Literatur und Journalismus nebeneinander und sind beide diskursprägend. Während der Journalismus Revolutionen, nationale Bewegungen, soziale Bewegungen, Kriege und Frieden befeuert oder zu verhindern sucht und die Bevölkerung und die Mächtigen mit immer neuen tagesaktuellen Informationen versorgt, macht die Literatur sichtbar, was in der Tagesaktualität untergehen muss. Ein Einzelschicksal – wenngleich ein fiktives – wie das des Woyzek oder der Effi Briest macht persönliche Leiden und in extensio ganze gesellschaftliche Strukturen genau dadurch sichtbar, dass deren Leben nicht deskriptiv-dokumentarisch, sondern literarisch-emotional zugänglich wird. Kein einziger einfacher Armer und keine einzige einfache Ehefrau besitzt so viel Wirkmacht, so viel gesellschaftliche Relevanz im 19. Jahrhundert und wohl auch heute nicht, als dass deren gesamtes Leben Anlass tagesaktueller Berichterstattung geben würde. Aber gerade in der Verdichtung durch Literatur, in dem Eindringen in die einfachste Welt, durch das den Leser oder Zuschauer begleitende Hinführen zu den Empfindungen, zu dem gesamten Schicksal einer Einzelperson, wird ein Verstehen von gesamtgesellschaftlicher Konsequenz erst möglich. Keine Dokumentation in noch so starker Bild- und Tongewalt vermag die Spirale der Armut, das stetige herausfallen der Ärmsten aus der Gesellschaft zu dokumentieren. Es ist gerade das ureigenste Mittel der Literatur ein menschliches Schicksal in seiner ganzen Komplexität aufzugreifen, elliptisch einzelne Fragezeichen übrig zu lassen und prospektiv zu zeigen, wie sich im radikalsten aller möglichen Szenarien ein gesellschaftlicher Zustand in einem Einzelschicksal niederzuschlagen vermag, ohne in den Zwang zu geraten gleich die Lösung mit zu präsentieren oder sich gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und Naturgesetzen unterordnen zu müssen.

Literatur – und dies ist ihre spezifische Stärke – ermöglicht das Erkennen ohne Antworten zu geben und gibt dadurch umso mehr Orientierung. George Orwells Roman ‚1984‘ und Aldous Huxleys ‚Schöne neue Welt‘ erschaffen jeweils eine eigene zukünftige Gesellschaftsordnung, wie sie bis heute niemals in Gänze, aber eben doch in Teilen Realität geworden sind. Unabhängig von der konkreten Realisation wirken beide – 1984 ob seiner erschütternden Bedrohlichkeit wohl stärker – als Katalysatoren des Verstehens, welche Auswirkungen eine tagespolitische Entscheidung über eine konkrete Sicherheitspolitik haben kann. Kein Zeitungsartikel könnte das Markerschütternde der ständigen Beobachtung, der völligen Kontrolle so sehr begreifbar machen, wie dies die Literatur vermag. Und so lässt sich mit Recht unterstellen, dass der heutige Diskurs von Sicherheit und Freiheit nicht zuletzt aus der Literatur heraus geprägt ist, da diese massenhaft gelesen wurde und dass erst die Literatur es ermöglicht einzelne scheinbar vertretbare Politikprojekte als Schritte auf dem Weg hin zu einer überkontrollierenden Zukunft zu begreifen.

Gerade den kommunikativ und gesellschaftlich gescheiterten – wenngleich oftmals dennoch Realität gewordenen – Politikprojekten mangelt es an literarischer Reflektion. Die Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Bundesregierung unter dem Schlagwort „Hartz IV“ führten zu einem Aufschrei des Protestes, den die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker so nicht zu denken vermochten. Dies geschah, obwohl die Presse einmütig die Reformen als mutig und klug beschrieb – als Schritte in die richtige Richtung und dies größtenteils bis heute noch tut. Es fehlte der Politik die Orientierungskraft durch Literatur. Diese Orientierungsmacht unterliegt nicht dem Zwang der Tagesaktualität und so kann auch ein in anderer Zeit und in einer anderen Staatsordnung geschriebener ‚Woyzeck‘ im heutigen Diskurs über den Sozialstaat hilfreichen Aufschluss geben. Nicht weil er Antworten formuliert, sondern weil das Werk Fragen aufwirft, die sich zeitlos stellen. Fragen, die Anlass geben darüber nachzudenken, wie ein Leben in der vertikalen Peripherie unabhängig von der Höhe der Transferleistungen oder dem konkreten Einkommen sich auf die psychische Konstitution, auf das Selbstwertgefühl und die gesellschaftliche Ordnung auswirkt. Fragen, die in der Hartz IV Debatte nicht beachtet, ja nicht gestellt wurden. Literatur darf nicht prognostisch verstanden werden, sondern prospektiv. Nicht jeder Empfänger sozialer Transferleistungen wird dem Wahn verfallen und zum Mörder werden, aber Büchners ‚Woyzeck‘ macht eben doch begreifbar, dass Armut, dass eine gesellschaftliche Randposition mehr ist, als eine kleine Wohnung und eine geringe Kaufkraft. Dass eben diese gesellschaftliche Randposition sich in aller Radikalität auf den gesamten Menschen niederschlägt und dass von daher eine Neuaufstellung der Sozialsysteme nicht nur die monetäre Versorgung im Blick haben darf, sondern sich eben auch der psychischen Verfassung seiner Schwächsten widmen muss.

Es ist Teil des Zeitgeistes geworden Literatur als Nebensächlichkeit, als nettes Beiwerk einer reichen Gesellschaft zu betrachten und ihr jedwede pragmatische Funktion abzusprechen. Im gleichen Umfang, wie dieses Entwerten der Literatur von statten ging, verlor auch die Politik ihren Orientierungskompass. Wie sehr wünschen wir uns heute eine politische Figur, die uns Lösungswege skizziert, wie eine Krise selten gekannten Ausmaßes zu meistern ist. Ein solch visionärer Akt entsteht nicht aus der Lektüre immer neuer Schuldendaten, sondern durch Schöpfung aus ästhetisiertem Wissen, aus literarischer Verdichtung. Daraus, dass Literatur zugänglich macht, wie es einem Einzelnen ergeht, wenn das unreflektierte befolgen jedweder Marktnotwendigkeit voranschreitet. In der Zeitung werden wir weiterhin lesen, dass wir Gefahr laufen, dass unser ökonomisches System und unsere europäische Ordnung zusammenbrechen, aber emotional erlebbar, mitfühlbar wird dieser Zusammenbruch erst in der literarischen Verdichtung eines einzelnen – nicht zwangsläufig exemplarischen – Schicksals. Am Ende erschaudern wir vor der kleinen überwachten Wohnung, in der ein einsamer Mensch Verschwörungen um sich her vermutet, wie im Roman ‚1984‘ und nicht über die nächste Darstellung des Börsenkurses. Die Politik, sie täte gut daran das verdichtend Retrospektive und das verdichtend Prospektive der Literatur wieder mehr zur Grundlage für eigene Überlegungen zu machen, ja die Literatur – und nicht einzelne Autoren – um Rat zu fragen. Sich von ihr eine Welt zeigen zu lassen, in der ein Gedanke erwächst, der in völlig anderer Gestalt zu einer neuen Idee für die Politik im Kleinen, oder die Weltordnung im Ganzen werden kann.

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