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Kirchenschließung: Gott sei Dank!

In den deutschen Diözesen geht die Angst vor Kirchenschließungen um. Ich freue mich auf jedes einzelne geschlossene Kirchenportal. Jeder Schlag der Abrissglocke gegen einen Glockenturm ist ein Geläut, das mir Hoffnung macht.

Wenn Kirchen geschlossen werden, dann verabschiedet man sich von einem letzten Rest. Wo kirchliches Leben noch floriert, da gibt es keinen Grund zu einem solch drastischen Schritt. Es gibt sie noch, die Kirchen in denen ein lebendiges Leben herrscht. Es gibt aber auch die real existierende, Beton gewordene Depression.

Kirchengemeinden, in denen gar nichts geht, außer Gejammer. Pastorale Teams ohne Lust und Motivation voller Bedenkenträgertum. Eine Bürokratenkirche, die mit Vorliebe Probleme sucht und niemals etwas wagt. Die mit jedem Satz die Freude aus den Hörern lutscht. Seelsorger vor denen man aus Sorge um die eigene Seele flieht.

Diese Gemeinden sind wie die Giftmüllkippe eines lebendigen Christentums. Am Leben gehalten durch unkündbare Arbeitsverträge und hängend an der Infusion stetig tröpfelnder Kirchensteuereinnahmen.

Vergiftet hat den Geist dieser Gemeinden ein fortwährender Niedergangdiskurs. Das seit Jahrzehnten anhaltende Gefühl, dass eben gar nichts geht in der Kirche, außer einem ganz langsamen Sterbegebet. Es ist der Kater nach einem Drogenrausch. Dem Drogenrausch der übervollen Kirchen nach dem Krieg, der bis in die 1960er hinein anhielt. Eine Zeit, als in Deutschland alles, wirklich alles so kaputt war, dass sich riesige Teile der Bevölkerung an die Kirchen klammerten. Man baute riesige Gotteshäuser für die vielen, die Gottes Beistand suchten.

Heute gibt es in Deutschland wieder mehr als nur die Kirche. Gott sei Dank ist das Land nicht mehr so innerlich ethisch-moralisch verrottet und äußerlich zerstört wie nach dem Krieg. Mit jedem neuen Zuhause im Wiederaufbau gab es weniger Gründe, unter das Dach der Kirche zu schlüpfen. Bis hin zum Normalzustand. Wann, ja wann waren Kirchen jemals voll? Wann, ja wirklich wann außer nach dem Krieg kam ein nennenswerter Anteil der Mitglieder am Sonntag in die Kirche? Es ist Jahrhunderte her oder fand niemals statt. Aber das ungewisse Gefühl, zu verlieren, blieb.

Es gibt zu viele Gemeinden, in denen die Normalisierung zum Drama verklärt wurde. Gemeinden, in denen das Krebsgeschwür des schlechten Gewissens wuchert. Gemeinden, die glauben, sie hätten versagt, weil nach den 1960ern weniger Menschen kamen. Man hätte es als positives Zeichen für Deutschland erkennen müssen – hat man aber zu oft nicht. Das Ergebnis ist eine pastorale Depression, die von Generation zu Generation vererbt wird. Man kann eh nichts machen, die Leute bleiben sowieso fort. Wenn man so denkt, dann stimmt das sogar. Die Leute bleiben fort. Nicht automatisch, sondern weil der innerkirchliche Dauerfrust sie treibt.

Von dieser Depression ist ein Christentum übrig, das keine Zukunft hat aber noch zu viele Kirchengebäude. Reißt sie ab, ist besser so.

Die 10 Thesen für das Comeback

Aktuell machen in der katholischen Kirche „zehn Thesen für das Comeback der Kirche“ die Runde. Ein deutliches Manifest für mehr Missionstätigkeit getragen von den jüngeren konservativen Kreisen in der Kirche. Leute mit Lust an einer Kirche, in der was geht. Zu den Erstunterzeichnern zählen unter anderem der Kölner Kardinal Woelki und Passauer evangelikale Bischof Oster.

Die Thesen haben es in sich. Die Mission soll die Priorität Nummer 1 in der Kirche werden. Im Bekehrungseifer sollen auch Gläubige anderer Religionen bekehrt werden. Kooperiert werden soll mit den evangelikalen Freikirchen, um von ihnen zu lernen und überhaupt sei ohne Fasten und Gebet eben alles nichts. Da wundert es kaum, dass diese Thesen die üblichen Reflexe hervor bringen: Die Liberalen in der Kirche regen sich auf. Die Konservativen jubeln. Kindergarten.

Ich als Erzliberaler habe überhaupt keine Lust diese zehn Thesen zu unterzeichnen. Eine Kirche, die diese zehn Thesen befolgen würde, wäre in meinen Augen ein Horrorverein. Aber ich habe auch nicht den Drang, wie viele andere, sofort wieder zu zetern. Denn in diesen zehn Thesen steckt verdammt nochmal ein Potential. Das Potential einer ehrlichen Analyse, wie diese Zitate zeigen:

Die Kirche hat keinen Bock mehr: „Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben. Sie ist ja weniger eine Institution oder Kulturform als eine Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte.“ „Eine Kirche die nicht freudig und überzeugend auf alle zugeht, hat keine Mission; sie verliert ihr Warum und Wozu.“

Ja, Kirche muss nach außen gehen und darf sich nicht in einer Depression einrichten. Wir vergeuden zu viele Ressourcen auf den Beton gewordenen Verwaltungskatholizismus und zu wenig auf Aktivitäten, die eine Wirkung erzielen.

Ich gebe gerne zu, die Liste der Unterzeichner dieser zehn Thesen lässt mich gruseln. Da sammelt sich das gesamte evangelikale Potential der Kirche. Menschen, die ernsthaft glauben, man könne mit dem Youcat in der Hand die Jugend bekehren. Aua, das tut so weh. Christen, die glauben, dass ausschließlich zentrale Anbetungsevents der Nukleus eines neuen Katholizismus sein können. Leute, die gegen die Ehe für alle sind und sich eine konservative Wende wünschen. Ich verkneife mir, was ich darüber denke.

Was man ihnen allen lassen muss: Sie glauben allesamt noch daran. Sie glauben noch daran, dass aus dem Katholizismus etwas werden kann. Sie glauben, dass diese Kirche in Deutschland nicht vor die Hunde geht, wenn wir die gewaltigen finanziellen und personellen Ressourcen nur richtig ausrichten. Sie schreiben: „Wir glauben, dass die Chancen nie größer waren als jetzt“ und vielleicht haben sie mit dieser Aussage Recht. Aber sie stehen sich selbst im Weg – genau wie liberale Katholiken auch.

Denn die zehn Thesen formulieren einen alleinigen Wahrheitsanspruch und ihre Vertreter sprechen zu oft einem aktiven Katholizismus anderer Couleur die Existenzberechtigung ab. Die aktiven, aufbruchsorientierten Kräfte in der Kirche links und rechts greifen sich lieber gegenseitig an, als anzuerkennen, dass sie beide Teil einer zukünftigen Kirche sind, wenn sie nur den depressiven Klotz am Bein loswerden.

Wenn man schon Thesen für eine lebendige Kirche formulieren will, so doch inklusive statt exkludierende. Ja, 11.000 vor sich hin betende Jugendliche in Augsburg bei einem Glaubensevent sind ein echter Erfolg evangelikaler und frömmelnder Katholiken. 100.000 sozial engagierte Jugendliche bei der 72-Stunden-Aktion des BDKJ aber auch. Auch wenn dabei nicht gefastet und relativ viel weniger gebetet wird.

Thesen für eine Lebendige Kirche sollten in meinen Augen darauf zielen, die lebendige Kirche zu stärken und die dahin siechende Kirche endlich hinter sich zu lassen. Lebendig ist die Kirche allerdings auf beiden Flügeln. Links wie rechts. Sie ist lebendig in den geistigen Gemeinschaften mit ihren Gebetevents, aber sie ist eben auch lebendig in der Gemeinde eines befreundeten liberalen Pfarrers, der gerade mit den Mitgliedern eine soziale Kaffeerösterei gegründet hat.

5 neue Thesen für ein echtes Comeback der Kirche

These 1:

Alle Kräfte in der Kirche, die aktiv daran mitwirken, dass die Kirche eine Wirkung erzielt, müssen gestärkt werden. Sei dies in der Evangelisierung, in der caritativen Arbeit, in Verbänden oder in der Bildung. Katholische Ausgaben müssen sich streng an ihrer Wirkung messen lassen. Dafür müssen transparente und messbare Kriterien aufgestellt werden. Wie viel Geld wollen wir für Aktionen aufwenden, um wie viele Menschen mit Glauben zu erreichen. Kosten, denen keine akzeptable Nutzerzahl gegenübersteht müssen gestrichen und neu verteilt werden. Dabei darf und muss es eine Vielfalt an Formen und Positionen nebeneinander geben. Diejenigen Formen und Positionen, welche die meisten Anhänger mobilisieren werden mit den meisten Ressourcen gestärkt. Wir wollen mehr von dem, was funktioniert und weniger von dem, was man verzweifelt versucht am Leben zu erhalten.

These 2:

Die personellen und finanziellen Ressourcen der Katholischen Kirche müssen aus einer territorialen Logik in die Gemeinschaftslogik überführt werden. Geld muss dort investiert werden, wo sich Gemeinschaften bilden und miteinander den Glauben leben. Das kann selbstredend in einer klassischen Kirchengemeinde mit aktivem Gemeindeleben sein. Es muss aber nicht. Die Kirche muss nicht in der Fläche existieren, sondern überall dort, wo Katholiken sich zusammenfinden. Dies bedeutet eine proaktive Auflösung von Kirchengemeinden, die keine Kraft mehr haben, zu Gunsten von Verbänden, geistigen Gemeinschaften und offenen Formen, die sich immer wieder neu gründen und zusammenfinden.

These 3:

Die Kirche muss eine Gründerkultur innerhalb der Kirche fördern. Dafür braucht es Personal, das sich mit der Initiierung und dem Aufbau von immer neu entstehenden Formen vor Ort befasst. Dies kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Beispielsweise die Form von Wanderpredigern, von Events, von Gemeindegründern, Formenentwicklern oder Pilgergemeinschaften. Der Katholizismus muss immer wieder neu entstehen, damit er nicht erneut zu alt wird.

These 4:

Die Katholische Kirche in Deutschland hat neben der religiösen Tradition auch eine bürokratische entwickelt. Erschreckenderweise ist an vielen Stellen die bürokratische Tradition zur dominanten geworden. Daher müssen Verwaltungsstrukturen radikal gekürzt, zurück gebaut und zentralisiert werden. Es braucht ein Servicecenter des Katholizismus in Deutschland, das die Verwaltung aller kirchlichen Rechtsakte vornimmt und darüber hinaus nicht das geistige Leben innerhalb der Kirche dominiert. Doppelfunktionen von Seelsorge und Verwaltung müssen konsequent aufgelöst werden. Entweder man ist für die Verwaltung da oder für die Menschen. Beides zugleich sorgt nur für Frust.

These 5:

Die Katholische Kirche muss sich von Mitarbeitern trennen, die die Hoffnung auf eine Zukunft des Katholizismus aufgegeben haben. Wir brauchen keine Verkündiger der Hoffnungslosigkeit sondern der frohen Botschaft. Ein harter Satz, aber wenn wir uns nicht trauen, die schwierigen Trennungen konsequent vorzunehmen, dann lähmen wir diejenigen, die noch Lust am Gestalten haben.

Ein echter Aufbruch für die Kirche braucht eine Versöhnung der aktiven Kräfte in der Kirche. Denn es bekämpfen sich vor allem diejenigen Teile, die mit der Kirche noch etwas wollen. Einer der Erstunterzeichner der zehn Thesen könnte tatsächlich ein echtes Signal zum Aufbruch geben. Bischof Oster, der das Amt des Jugendbischofs bekleidet. Wenn seine Forderung nach einer aktiv glaubenden und das Evangelium verkündenden Kirche eine echte ist, dann kann er positiv anerkennen, wie aktiv der Glaube in der katholisch-verbandlichen Jugendarbeit des BDKJ gelebt wird. Ihm mag die Form nicht gefallen, ihm mag die Interpretation nicht munden, aber er kann erkennen und positiv würdigen, dass sowohl die evangelikal-konservativen als auch die verbandlich-liberalen ein Ziel gemeinsam haben: Sie glauben noch daran, dass aus dieser Kirche etwas werden kann. Sie sind im besten Sinne keine depressiven Bürokraten.

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9 Kommentare

  1. Peter Fuchs

    Schütten Sie das Bad nicht mit dem Kind aus Herr Flügge.
    Die Kirche muss nur die Worte Jesus Christus Verbreiten und keine eigenen Dogmen und Interpretationen unterstützen. Aus diesen Worten geht hervor wer vom geistigen Reiche her zu den Menschen geboren wurde. Der von den Propheten angekündigte Messias. Dies ist der einzige von Gott in seinem Reiche zum König gesalbter. (siehe AT)
    Dies ergibt zwingend die Vollendung der Reformation.
    Gebt Gott im Geistigen Reich aus der Sicht der Menschen seinen Sohn zurück der er ja selbst während des Erdenlebens von Christus im Körper Jesus als „Mein Sohn“ bestätigt hat.
    Hört auf Jesus Christus als Menschgewordener Gott zu benennen.
    Waren den seine letzten Worte vor Pilatus nicht deutlich genug, oder zur Frau am Jakobsbrunnen!

    Gott zum Gruss
    Peter Fuchs

  2. Lieber Erik Flügge,
    mich sprechen Ihre Überlegungen sehr an. Auch wenn manches sehr provokativ formuliert ist (was mir persönlich gefällt), trifft es m. E. genau den Kern kirchlicher Depression in diesen Zeiten, in denen auch in der Kirche so vieles auf dem Prüfstand steht. Und mit konservativ hier und progressiv-liberal da, kommen wir eben auch nicht weiter, schon längst nicht mehr! Das ist meine Erfahrung als Seelsorger – vor allem nach 10 Jahren in der Cityseelsorge und der sog. „Fernstehenden“-Seelsorge (ein furchtbares Wort, dessen Inhalt eigentlich überhaupt nicht zutrifft auf die, die wir damit meinen). Früher nannte man das „Kategorial-Seelsorge“ – und diese Bezeichnung ist wirklich völlig daneben!
    Ein paar Gedanken möchte ich noch ergänzen:
    1. Wenn wir Kirchen schließen, dann konzentriert man sich im binnenkirchlichen Bereich gern vorschnell und oft kurzsichtig auf die Problematik des Priestermangels. Wer aber fragt nach denen in der Kirche, die leise aus dem hinteren Trakt des Gotteshauses ausziehen? Seelsorgerinnen und Seelsorger, die nach den Beweggründen und oft tiefen Enttäuschungen der Ausziehenden fragen, werden im Vergleich zu den Klagen über den Priestermangel oft kaum gehört. Von „Gemeindemangel“ wird seltener gesprochen – und wenn, dann höchstens unter dem Aspekt der „rapid sinkenden Gottesdienstbesucherzahlen“. Kirche, die Gesamtheit der Herausgerufenen, hat sich jedoch nie auf liturgische Anwesenheit allein beschränkt, geschweige denn, sich in Zahlen ausdrücken lassen. Da gebe ich Ihnen völlig Recht!
    2. Das Bemühen, strukturell-konstruktiv auf all die Veränderungen, von denen die Kirche derzeit überrollt wird, zu reagieren, mündet zunehmend in die Erstellung von Zukunftsbildern, Pastoralplänen und Konzepten neuer Pfarrmodelle, die de facto nur die derzeitigen Bedingungen in Bezug auf das Amt im Blick haben. Müssen nicht bezüglich Pflichtzölibat und Frauen als Amtsträgerinnen konkrete Entscheidungen getroffen werden, um auch strukturell neue Wege einschlagen zu können?
    3. So sehr wir auch Innovatives mit neuen Plänen und Konzepten verbinden möchten, es ist zu fragen: Beinhalten kirchliche Reformen dieser Gestalt nicht auch die Gefahr, dass krampfhaft versucht wird, allein am Funktionieren des bisherigen kirchlichen Betriebes festzuhalten? Pastoralpläne, die vor allem den Bestand der Kirche im Blick haben, werden über kurz oder lang ins Leere laufen, wenn sie nicht mehr in erster Linie auf den Auftrag Jesu ausgerichtet sind.
    4. Die Zeiten, in denen außer Zweifel stand, dass die Kirche eine Monopolstellung in Bezug auf Religion besitzt, sind passé. Kirche ist ein gesellschaftlicher Faktor unter anderen geworden (und war es wohl auch schon immer). Welche Funktion kommt ihr aufgrund ihres Anliegens und ihres Auftrags, nämlich das Reich Gottes zu verkünden, innerhalb dieser Gesellschaft zu?
    5. Wird der Kirche nicht zurecht vorgeworfen – nicht nur von Seiten sog. „Fernstehender“, sondern auch innerhalb der eigenen Reihen – , sie ziehe sich in einen geschlossenen, geschützten Raum zurück und reduziere sich nur mehr auf die Feier der Liturgie? Was ist sonst noch gemeint, wenn Bischöfe sagen, dass es notwendig sei, sich auf das „Kerngeschäft“ zu konzentrieren? Läuft die Kirche nicht Gefahr, wenn sie sich nicht mehr als offene Gemeinschaft in dieser Welt bewegt, nicht mehr als die verstanden zu werden, die sie von jeher war, nämlich ein durch alle Zeiten und Kulturen wanderndes Gottesvolk.
    6. Gelingt es in unserer seelsorglichen Arbeit, Erfahrungsräume zu schaffen für Menschen, die den Sinn- und Glaubensfragen in ihrem Leben nachzugehen suchen? Was braucht es an Fähigkeiten und Charismen seitens der Seelsorgerinnen und Seelsorger, damit Menschen in ihrer Verunsicherung zu eigenen Lebensdeutungen finden können?
    7. In den Arbeits- und Aufgabenbereichen der Seelsorge ist „Kompetenz“ ein wichtiges Schlagwort geworden. Sicher ist es ganz wichtig, sich neben theologischer Fachkompetenz auch Kompetenzen im menschlich-sozialen Bereich anzueignen. Wird dabei aber auch gesehen, dass die Betonung der Notwendigkeit von „Kompetenz“ die Gefahr mit sich bringt, bei Seelsorgerinnen und Seelsorgern den ohnehin vorhandenen Leistungsdruck, der in ihrer seelsorglichen Funktion auf ihnen lastet, ins Unermessliche zu steigern? Es bleibt die Frage: Birgt der Begriff „Kompetenz“ Entlastung in sich oder treibt er die Beteiligten in die Gefahr der „Professionalisierung“? (Das heißt dann: Nur allein der Pfarrer, die Pastoralreferentin/-assistentin, die Gemeindereferentin weiß, ob etwas theologisch richtig oder falsch ist)
    8. Ist es im Blick auf die Überlieferung der frohen Botschaft als auch im Blick auf ihre Adressaten nicht dringend notwendig, dass die Kirche den Wandel ihres gesellschaftlichen Kontextes nicht nur bejammert, sonder auch auf diesen Wandel zurückwirkt, oder sich zumindest aktiv auf ihn einstellt und sich ihm „anzupassen“ versucht?
    9. Der Kirche kommt auch heute dort eine wichtige Rolle zu, wo Menschen inmitten individueller wie struktureller Schuldverstrickung auf der Suche nach neuen Lebensmöglichkeiten sind. Kirche kann ein Ort sein, wo Glaubenserfahrungen ermöglicht und geteilt werden, die Sinnhaftigkeit unseres Daseins aufleuchten lassen. Offenheit und Toleranz nach außen werden dabei unabdingbar sein, damit die Kirche von den Menschen als ernsthafter Gesprächspartner akzeptiert wird. Aber es braucht auch Klarheit und Abgrenzung (nicht Absonderung!), wo es darum geht, Profil zu zeigen und Position zu beziehen.
    10. Es wird sich zeigen, dass Kirche zukünftig dort gefragt ist, wo sie sich den echten Sorgen der Menschen im Alltag und den Menschheitssorgen in der Welt zuwendet und sich nicht in internen Querelen und in lauter Struktur- und Verwaltungsfragen aufreibt und sich vom Leben absondert oder sich in eine enge klerikale Institutionalität zurückzieht.

  3. Emanuel Gebauer

    Ohne die gemeine Überschrift und den bösen Lead eingangs hätte ich den hervorragenden, differenzierenden Beitrag, einer der wenigen visionären und dennoch vermittelbaren,, die man zurzeit liest, womöglich nicht gelesen. Danke!

  4. Jörg Meyrer

    Die 5 Thesen sind klasse, und zukunftsweisend.
    Ist es Ihrer „Jugend“ geschuldet, dass SIe am Anfang genau in die Falle tappen, die Sie anderen vorwerfen; – nämlich die verschiedenen Flügel der Kirche gegeneinander ausspielen. Schade! Die Thesen sprechen eine andere Sprache als der Rest des Artikels, – und die Sprache der Thesen gefällt mir viel besser!

    • Jürgen Maubach

      „Großartig, aber großer Unfug. Sie formulieren so fabelhaft, dass man es fast nicht merkt, dass Sie Unrecht haben.“ Marcel Reich-Ranicki – Ist es nicht eher so, dass es die Kirche noch gibt, weil sie in der Lage war, Liturgie und Strukturen immer wieder der sie umgebenden Kultur anzupassen?

      • Unfug, in der Tat, im eigentlichen Wortsinn: Es fügt sich nicht in die von Ihnen dargelegte Weltsicht. Begründen Sie sehr gerne Ihre These, die, bekannt genug, auf mich immer wie ein Mantra wirkt, wenn nicht gar eine Ideologie. Apropos Ideologie: Ist es Aufgabe der Kirche „Nachlaufen“ zu spielen? Unbestritten hat die Kirche es immer wieder verstanden, Inkulturation zu wirken, ein profundes Mittel. Doch ist ihre eigentliche Leistung nicht vielmehr, mit dem Christentum eine neue und starke, prägende Idee in die Welt getragen zu haben? Einem ganzen Abendland und der halben Welt Telos gewesen zu sein? Ist die Kirche nicht immer Vorläufer gewesen und erst heute zum Schattentreter geworden?
        Ist es denn so, wie sie sagen? Stimmt ihre These? Wann hat welche Änderung welchen Erfolg gehabt? Ich sehe das nicht so, und ich verlasse mich methodisch, was die Geschichtsforschung angeht, auf die Kriminalistik. Ich bin kein Tradi und sogar zu gut einem Drittel evangelisch sozialisiert, doch meine Analyse eines – im Grunde unbestrittenen – Einbruchs nach dem so hoffnungsvollem und zuversichtlichem Aufstieg in Folge des verheerenden atheistischen Doppelweltkrieges, hat ja gerade in ihrer Profanität Überzeugungskraft. Es nutzt doch nichts, sich etwas vorzumachen: Das Leben ist kein Ponyhof und Religion keine Wunschliste noch so wünschenswerter Harmonie. Und es ist unverkennbar, als die Kirche in neuerer Zeit – fast radikal – und doch verspätet, fast schon anachronistisch, sich dem völkischen Zeitgeist anpaßte, da ging es bergab. Sie kennen vielleicht Ockhams Rasiermesser: Auch diese heuristische Methode legt die Schlussfolgerung nahe, dass die Anpassung der Kirche nicht nur koinzident zum Niedergang ist, sondern es sich kausal verhält. Die Kirche hat ihre Führungskraft verloren, da sind wir uns sicher einig. Und mir will es ganz logisch sein, dass eine Person oder gesellschaftliche Kraft oder gar eine beliebige Entität ihre Führungskraft verlieren muss, zwingend verlieren muss, wenn sie sich anpasst. Das reicht schon, denn damit stellt sie selbst, jenes, welchem sie sich anpasst, über sich. Nur, und ich hoffe, ich formuliere die Ideologie der Kirche hier richtig: Über der Kirche gibt es nur Gott. Auf dem Portal eines Erzliberalen darf ich das wohl schreiben: Tatsächlich fürchte ich mit Hans-Hermann Hoppe, dass der neue Gott der Welt, so auch der neue Gott der Kirchenleute geworden ist: Der Demos in seiner herrlichen Kratie. Und dieser ist eine Schimäre, es gibt ihn nicht. Auch im modernen Staat, im Parlament und hinter dem Volksaltar (so nennt man das wohl) hat es nur Menschen. Und der eigentliche Priester, er ist Mittler, er führt das Gottesvolk, die Gemeinde gen Allerheiligstem. Das macht Sinn, das ist verstehbar. Im Kreise seiner Liebsten kann er so nicht wirken, auch wenn diese Gemeinschaftsrunde ihren Platz hat. Alle die guten und schönen Dinge, die in den letzten Jahrzehnten das kirchliche Leben bereichert haben, gehen fehl, wenn sie das Wesentliche nicht vermitteln, sondern ersetzen. Es geht hier viel weniger um richtig und falsch, und die sich verbeissenden kirchenpolitischen Flügel gehen ganz sicher fehl. Es geht darum, zwischen Tun und Wesen, zwischen Mittel und Zweck, zwischen Weg und Ziel zu unterscheiden und die wunderbar natürliche Ordnung der Dinge in der Kirche zu erkennen. In ihr hat sehr vieles Platz. Ich bin nicht fromm und auch nicht marianisch, dennoch spüre ich: „Maria, breit den Mantel aus“, dieses wunderschöne Marienlied aus dem Schatzgut der Kirche will mir auch Zeugnis dafür sein. Und sie, Maria, hebt den linken und den rechten Arm zum Schirm, zu Schutz und Trutze der ganzen Christenheit.
        Haben wir den Mut, uns wieder als eine Kirche zu verstehen, als Seine Kirche.

  5. carn

    Sehr geehrter Herr Flügge,

    leider beinhalten Ihre Thesen eine sehr wesentliche Unklarheit, die es erlauben, dass man umfangreich das hineinlesen kann, was man gerne möchte.

    Nämlich:
    „Alle Kräfte in der Kirche, die aktiv daran mitwirken, dass die Kirche eine Wirkung erzielt, müssen gestärkt werden.“

    Was ist mit Wirkung gemeint bzw. wie ist diese definiert? Und wer entscheidet, falls es hier Dissens gibt?

    Um es an Beispielen zu verdeutlichen, bei denen ich aufgrund Ihrer mutmasslichen politischen Ausrichtung (beruflich arbeiten Sie anscheinend auch als Wahlkampfberater und explizit Ihren Worten nach nur für die, von denen Sie überzeugt sind; da für SPD und Grüne arbeitend, liegt die Vermutung, dass Sie nur selten z.b. der CSU applaudieren) ausgehe, dass Ihnen das vielleicht sauer aufstößt, wer dann auf einmal von Ihren Thesen profitieren würde:

    – der Marsch für das Leben
    wie an den Kreuzen ersichtlich, könnten es Christen sein, viele davon katholisch; diese sind in Verbänden organisiert (Bundesverband Lebensrecht), in der caritativen Arbeit aktiv (sie machen mit ihrem Kreuzemarsch darauf aufmerksam, dass man auch die ungeborenen schützen sollte und fordern bessere Hilfen für Familien; mehr Geld von der Öffentlichkeit für caritatives einfordern ist Teil der caritativen Arbeit) und bemühen sich in der Bildung (indem sie die Gesellschaft daran erinnern, dass ungeborene Menschen Menschen sind; da schadet bei manchen Nachhilfe nicht).
    Ein Wirkung erzielen sie offensichtlich, ein paar tausend Christen laufen mit Kreuzen für alle sichtbar durch die Gegend, singen teils christliche Lieder und haben anschließend einen Gottesdienst; dabei geht es auch wunderbar ökumenisch zu und auch nciht-Christen oder gar Atheisten sind sehr willkommen.

    Das ist also eine echte Gemeinschaft, die territorial unabhängig ihren Glauben ausleben, besonders betont eben auf den Schutz ungeborener sowie alter und kranker Menschen.

    Folglich scheinen die alle Ihre Kriterien zu erfüllen; folglich sollten Sie nach ihren Thesen Kirchensteuergelder erhalten.

    Einverstanden?

    Die Wirkung wird in der Teilnehmerzahl der Kundgebung und/oder des Abschlussgottesdienstes und/oder der Zahl der positiven Grußworte von Politikern bemessen?

    2. http://www.kostbare-kinder.de/

    Es handelt sich hier um Gehsteigberater, die Frauen vor Abtreibungskliniken ansprechen und Hilfe anbieten, in der Hoffnung, dass sich die Frauen dann doch gegen eine Abtreibung entscheiden.

    Der Gründer ist meines Wissens Katholik, es sind noch andere Katholiken beteiligt, aber auch ein paar nicht Katholiken und nicht Christen.

    Hier ist der caritative Aspekt besonders stark, denn ungeborene Kinder, deren Existenzbeendigung eigentlich für in 1-3 Stunden geplant ist, sollen hier gerettet werden und ihren Müttern geholfen werden, sowohl durch Zuhören und Rat als auch durch – begrenzte – finanzielle Hilfe.

    Die Wirkung ist auch klar definierbar, denn in mehreren Gerichtsprozessen gegen den Verein konnte dieser Zeuginnen benennen, die ausgesagt hätten bzw. ausgesagt haben, dass ihre Kinder rein dank der Ansprache durch die Gehsteigberater nicht abgetrieben wurden; ergo sollen die einfach sauber dokumentieren und dann hat man die Anzahl der geretteten Kinder als Maßstab für die Wirkung.

    Absolut garantiert haben die übrigens so gut wie nichts mit der kirchlichen Hirarchie zu tun.

    Also müssten die Kirchensteuergelder bekommen.

    Einverstanden?

    3. Ein gewisser Klaus Günther-Annen betreibt einige Webseiten mit durchaus provokativen Seitennamen.

    Ich verlinke jetzt mal nicht; die motiviert aus seinem katholischen Glauben heraus betriebenen Seiten verfolgen aber ganz eindeutig das Ziel, die Öffentlichkeit hinsichtlich der Wahrnehmung und ethischen Bewertung von Abtreibung sowie der Tätigkeit von Ärzten in dieser Sache aus katholischer Sicht zu bilden (und hier kann sich Herr Annen problemlos auf den verstorbenen Kardinal Meisner berufen).

    Wirkung erzielt er sicherlich auch, wenigstens gibt es inzwischen ein Urteil namens Annen vs Germany des EuGH, das für Katholiken, die gerne wissen wollen, ob und wo die Grenzen liegen, wenn man denn Ärzte, die Abtreibungen durchführen, kritisieren möchte. Auch eine Reihe anderer Urteile hinsichtlich Meinungsfreiheit bezüglich des Themas Schwangerschaftsabbruch haben sich dank Herr Annen ergeben.

    Auch ist natürlich die Anzahl der Seitenaufrufe ein Maßstab, wie gut dem Herrn Annen da sein Versuch der Erwachsenenbildung hinsichtlich christlicher Ethik bezüglich Abtreibung gelingt.

    Meines Wissens betreibt er die Webseite nicht mal alleine, sondern mit mutmasslich religiös ähnlich eingestellten.

    Es scheint sich also um eine Gruppe von Gläubigen ohne territoriale Bindung zu handeln, die im Sinne Ihrer Thesen in Bereich Bildung aktiv sind.

    Also sollten Herr Annen und co. Geld aus der Kirchensteuer kriegen.

    Einverstanden?

    Ende der Beispiele

    So, ich wäre jetzt nicht ganz überrascht, wenn Sie bei zumindest einem der Beispiele doch nicht einverstanden wären, wenn diejenigen Kirchensteuergelder kriegen würden.

    Und zwar letztlich aus dem Grund, weil Ihnen wohl die Wirkung nicht behagt oder zumindest einen Teil der Wirkungen, die durch das Handeln ausgelöst werden.

    Was Sie aber gar nicht basierend auf rein auf Ihren Thesen als Argument begründen könnten, da Sie ja gar nicht definiert haben, um welche Wirkung es Ihnen geht.

    Und somit kann man guten Gewissens in Ihre Thesen reinlesen, dass Seiten mit der Wortsilbe „kaust“ in ihrer url durch Kirchengelder finanziert werden sollen; alternativ liese sich auch bestimmt Grundlage finden, in der Antifa aktive Katholiken Gelder zukommen zu lassen.

    Man kann also eigentlich reinlesen, was man möchte.

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