Kommentare 5

Hoeckers TV-Beispiel: Absolut großartig, trotzdem falsch.

Bernhard Hoecker braucht nur etwas mehr als eine Minute, um zu beweisen, dass Deutschland nicht von Flüchtlingen überschwemmt wird. Er begeistert damit ein Millionenpublikum. Das ist absolut großartig und dennoch ist seine Argumentation völlig falsch. 

Über 100.000 Teilungen auf Facebook hat das kurze Video des NDR mittlerweile gesammelt. Mehr als sieben Millionen Mal wurde es abgespielt und das Netz feiert den Satiriker. Endlich ist da einer, der auf den Punkt bringt, dass es in diesem, unserem Lande keine Überfremdung gibt.

Das Argument Hoeckers ist einfach: Wenn in Deutschland auf 80 Millionen Menschen eine Million Flüchtlinge treffen, dann müssen in einem Studio mit 120 Personen im Publikum nur zwei aufstehen, um das Größenverhältnis zu spiegeln. Dann sagt er: „Wenn man jetzt noch bereit ist aufzustehen und zu sagen, diese wenigen Menschen überfluten die Kultur des Studios, dann muss man ein Problem haben.“ 

Das Argument ist höchst problematisch.

Das Exempel Hoeckers ist ein wunderbares Lehrstück erfahrungsorientierter Pädagogik. Das Komplexe wird durch Erleben schnell verständlich gemacht: Wenige überfremden uns nicht.

Aber was lernt man gleich mit? Was wäre wenn nicht zwei, sondern 20 von den 120 aufstünden? Was wäre wenn 60 von den 120 aufstünden? Was wenn 100 von den 120 aufstünden? Wäre dann da nicht sofort ein echtes, ein gewaltiges Problem zu sehen?
Überfremdung ist in Hoeckers pädagogischer Methode eine Möglichkeit. Ab einer gewissen Zahl ist in seinem Lehrstück durchaus möglich, dass die Kultur des Studios „überflutet“ wird.

Genau das halte ich für den falschen kulturtheoretischen Ansatz. Er suggeriert, diejenigen, die zu uns kommen, seien nur deshalb kein Problem, weil es so wenige sind. Der Ansatz sagt, dass sich unsere Kultur gegen die Kultur der anderen weiterhin behaupten könne. Aber muss sie das überhaupt?

Ich verstehe Kultur nicht in Konfrontation zu anderen Kulturen. Ich halte es nicht mit Huntington und seinem Kampf der Kulturen. Denn Kultur ist nicht statisch und nicht fest, sondern sie ist Wandlungen unterworfen. Diejenigen, die zusammen leben, schreiben Kultur immer neu und anders fort. Die Zahl der Ankommenden wird niemals zum Problem. Denn jede Gruppe von Menschen – egal wie sie zusammengesetzt ist – entwickelt ihren eigenen kulturellen Kosmos. Das beste Beispiel hierfür sind die Vereinigten Staaten. Dort kamen über Jahrhunderte Millionen Menschen aus unterschiedlichsten Herkunftskulturen und erschufen eine neue amerikanische Identität, in der sie sich alle gemeinsam neu erfanden.

Ich finde Hoeckers Versuch der Entschärfung redlich. Er steht auf der richtigen Seite. Vielleicht ist sein pädagogisches Lehrstück auch hilfreich im aktuellen Diskurs. Doch es ändert nichts, ich finde es falsch.

5 Kommentare

  1. Tim

    Aber was lernt man gleich mit? Was wäre wenn nicht zwei, sondern 20 von den 120 aufstünden? Was wäre wenn 60 von den 120 aufstünden? Was wenn 100 von den 120 aufstünden? Wäre dann da nicht sofort ein echtes, ein gewaltiges Problem zu sehen? Überfremdung ist in Hoeckers pädagogischer Methode eine Möglichkeit. Ab einer gewissen Zahl ist in seinem Lehrstück durchaus möglich, dass die Kultur des Studios „überflutet“ wird.“

    Nun ja, „Überfremdung“ hin oder her. Aber es gibt durchaus Konstellation, in denen solche Nummern objektiv problematisch sind. Die Ansiedlung von hunderttausenden palästinensischen Flüchtlingen im Libanon war einer der wesentlichen Gründe für demografische Spannungen, die letztlich in den Bürgerkrieg mündeten.

    Von so etwas ist Europa gewiss noch weit, weit entfernt. Aber ich finde es extrem naiv zu glauben, dass das Zusammenleben von Kulturen, deren Angehörige statistisch betrachtet sehr unterschiedliche Ansichten zu Themen wie Säkularismus, Religionsfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit haben, reibungslos klappt. Historisch führte das oft zu Krieg, Segregation, ethnischen Säuberungen und Genozid.

    Und da du die USA anführst: Sicherlich ein beeindruckendes Beispiel für Multikulturalismus von dem man viel lernen. Aber dass die Ureinwohner objektiv gesehen, nun ja, von den Europäern zumindest „überfremdet“, wenn nicht gar vertrieben oder ausgerottet wurden, liegt wohl auf der Hand.

  2. Ich glaube nicht, dass die Gleichsetzung von Überflutung und Überfremdung hier legitim ist. Und auf die gestellte Frage, nämlich die nach der Überflutung ist die gegebene Antwort in meinen Augen korrekt und passend; es geht um Volumina: um Zahlenverhältnisse zu einander und nicht um spezifische Eigenschaften der Gruppen zu einander.

    An der Stelle kann man sicher auch Kritik ansetzen, aber die ist in meinen Augen diffiziler. Denn hier ist schon der erste Teil der Schwierigkeit im „wir“ zu finden. Wer ist denn dieses „wir“, woran macht sich das fest? Dann kommt die Frage, was die Grenze zwischen „wir“ und „die“ ist und wer die Durchlässigkeit davon festsetzt. Denn natürlich ändert sich das „wir“, wenn unterschiedliche Menschen dazukommen und auch andere Menschen weggehen. Und ich finde, dass ist die eigentliche Diskussion, der wir schon wieder geschickt ausweichen, auch in der europäischen Integration und der Abgrenzung gegen Menschen mit anderen Muttersprachen, Hautfarben oder kulturellen Hintergründen. Aber wenn wir sie wirklich führen wollten, dann müssten wir eben erstmal damit anfangen, für uns selbst klar zu haben, wer wir sind und wer wir sein wollen.

  3. canan

    „Das beste Beispiel hierfür sind die Vereinigten Staaten. Dort kamen über Jahrhunderte Millionen Menschen aus unterschiedlichsten Herkunftskulturen und erschufen eine neue amerikanische Identität, in der sie sich alle gemeinsam neu erfanden.“

    Man muss allerdings zugeben, das dass für die Ur-Amerikaner („Indianer“) gar nicht so sehr spassig war, und viele von denen sind denn auch nicht mehr übrig geblieben…

  4. Philip

    Meiner Meinung nach spielt noch eine ganz andere Sichtweise in diese Methode mit ein. Es kommt zu Ballungszentren von Flüchtlingen und nicht zu der angenommenen gleichmäßigen Verteilung. Besonders zu beachten ist doch, dass sich die schlimmsten Proteste gegen Flüchtlinge in ländlichen Regionen ereignen. Statistisch gesehen, und so argumentiert Hoecker, sind jedoch in diesen Regionen viel weniger Flüchtlinge als in großstädtischen Ballungszentren.

Schreibe eine Antwort