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Handy am Küchentisch? – Kein neues Drama.

Das Handy der pubertierenden Jugendlichen ist ein Dauerthema im heutigen Familienalltag. Wie viel Nutzung ist noch normal, ab wann ist man süchtig und warum kann man das dumme Ding nicht verdammt noch mal einfach mal eine Minute lang weglegen? Eigentlich kein neues Drama. 

Viele Eltern sind verzweifelt, weil ihre Kinder die Smartphones nicht mehr aus der Hand legen. Auf Fachtagungen wird lang und breit besprochen, wie problematisch doch das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen sei und manch einer sieht völlig neue Konflikte durch diese Medien auftreten, die heutige Eltern deutlich mehr fordern, als die Eltern der Vergangenheit. Ach echt?

In der Pubertät gilt es für Jugendliche eine zentrale Herausforderung zu bearbeiten: Die Konstruktion der eigenen Identität. Ja, verdammt noch mal, die Eltern spielen plötzlich nicht mehr die erste Geige. Wie soll denn eine eigene Identität entstehen, wenn die Eltern einfordern, dass man weiterhin an deren Identität, dem Familienleben, vollumfänglich partizipiert. Da wird jedes Abendessen zur Rückschau auf das Gestern und zum Gegenpol des Morgens, das sich im Freundeskreis materialisiert.

Dieser Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen ist so alt wie die Menschheit selbst. Er ist das große Drama jeder Familie, aber so vorhersehbar, dass es sich kaum lohnt darüber zu schreiben. Ein Wunder eigentlich, dass es ganze Regalwände mit Romanen über die Pubertät gibt. Das Schöne, in diesen Büchern erfährt man nichts Neues, aber man kann sich auch noch in der eigenen Freizeit im eigenen Familiendrama suhlen. Hach, wat schön.

Es gibt aber tatsächlich eine Sache, die ist anders, seit die Smartphones in die Hände von Jugendlichen geraten sind. Das Neue in unseren Tagen ist, dass der Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen zeitlich entgrenzt wurde.

Mir erscheint es selbst geradezu grotesk, dass ich einen Satz mit „früher“ beginne. Aber nundenn, in diesem Fall kann selbst ich mit meinen 28 Jahren von Früher reden. Denn für die heutigen Pubertierenden gehöre ich ja auch schon längst zu den Alten und Erwachsenen – also zu den Spießern und denen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Stimmt!

Früher, da traf man in der Pubertät seine Freunde. So lange wie es irgendwie nur ging, versuchte man mit seinen Eltern zu verhandeln, wegbleiben zu dürfen. Man traf sich in Kellern, um zu zocken, auf Feldern, um zu saufen und das Ganze nannte man immer „eine Lerngruppe für die Hausaufgaben“. Wenn man dann Zuhause war, dann zog man sich möglichst schnell ins eigene Zimmer zurück – in meinem Fall, knallte ich besonders gern die Türe dabei zu. Das war schön – Türen knallen würde ich heut noch manchmal gern, aber mir ist die Leichtigkeit jener Tage, es einfach durchzuziehen, abhanden gekommen.

Früher (oh mein Gott, es beginnt schon der zweite Absatz mit diesem Wort), da gab es eine Trennung. Die Freunde dort – da war es toll – und die Eltern hier – da war es … STOP, meine eigenen Eltern lesen diesen Artikel sicherlich … da war es ganz okay. Das Treffen mit den Freunden war das Neue, das Freie, das Spannende, das Eigene. Das Zusammenleben mit den Eltern war das Alte, das Bekannte, das Etablierte, das Uneigene. Die Bewegung zwischen beiden Systemen war physisch, weil die Trennung durch Wände und Haustüren physisch war.

Heute sind die Freunde immer präsent. Sie schreiben Whatsapp-Nachrichten. WIE GEIL IST DAS DENN! Man muss in seinem Alltag gar nicht mehr darauf verzichten, das Neue, das Freie, das Spannende, das Eigene um sich zu haben, nur weil die Haustüre zu ist. Man kann pausenlos das tun, was man so gerne tun will … UND DANN NEHMEN DIE MIR DAS HANDY WEG!

Scheiße, Hausarrest.

Früher, da war Hausarrest eine relativ hohe Eskalationsstufe im Streit mit den Eltern. Im großen Repertoire der Erziehungsmethodik definitiv eine der fiesesten Maßnahmen unter den pädagogisch vertretbaren. Und heute? – Ständig verteilen Eltern Hausarrest – quasi pausenlos. „Du legst jetzt das Handy weg“ sagen Eltern oder noch schlimmer, sie nehmen es einfach selbst weg. Der Hausarrest ist omnipräsent geworden. Er ist nicht mehr Eskalation, sondern Alltag. Aber können wir uns in der Erinnerung an die eigene Pubertät auf einen Punkt einigen, liebe Eltern von heute: Hausarrest, war echt gemeine Scheiße.

Erinnert ihr euch noch daran, wie scheiße Hausarrest war?

Erinnert ihr euch noch daran, wie scheiße Hausarrest war?

Was genau ist der Unterschied zwischen dem alten Hausarrest (dem Verbot die Freunde zu treffen & zu sprechen) und dem Wegnehmen des Smartphones von heute? – Genau, keiner!

Die Konsequenz kann also für alle heutigen Eltern nur heißen, dass es gilt, die Eskalationsstufe wieder sehr weit nach unten herab zu senken. Und wie ging das noch gleich früher?

Ah, ja genau, früher, da hat man miteinander verhandelt, wann man nach Hause kommen musste. Wenn man nicht nach Hause kam, dann gab es Ärger. Wenn der Ärger total krass wurde, dann gab es Hausarrest. – Im Übrigen konnte ich damals schon so gut verhandeln, dass ich in meiner gesamten Jugend im Gegensatz zu allen meinen Freunden nie Hausarrest hatte. – Darum gilt es auch heute, dass die Nutzung des Smartphones verhandelt werden muss. Wann treffe ich meine Freunde, wann investiere ich Zeit in meine Familie. Erfolgreiches familiäres Miteinander gelingt ja besonders in den Phasen, in denen man sich nicht zofft, sondern zusammen am Küchentisch sitzt, weil man ausgehandelt hat, dass man das gerade tun muss, um Streit zu vermeiden. Denn – seid doch bitte ganz ehrlich – das gemeinsame Essen am Küchentisch ist in der Pubertät immer höchstens halb so spannend wie die eigenen Freunde.

Der Konflikt um das Smartphone ist kein neues Drama, es ist das gleiche Drama, das es immer gab. Es ist das Drama zwischen dem Alten und dem Neuen. Lösen wir es, wie wir es schon immer gelöst haben. Machen wir kein Drama draus!

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