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Anschläge in Istanbul: Wo ist die Soli-Welle?

„Je suis Charlie“, umgefärbte Profilbilder mit Trikolore, Entsetzen und Empörung, schwarze Schleifen: Bei Terroranschlägen auf den Westen gibt es stets eine Welle der Solidarität. Bei Anschlägen in Afrika oder Nahost im Grunde nie. Tote Franzosen gehen Deutschen nahe, tote Araber nicht. Weil die Toten in Istanbul Deutsche sind, hatte ich eine Soli-Welle erwartet, dass sie ausbleibt, gibt viel Aufschluss über die Konstruktion von Solidarität in unserer Gesellschaft.

Diesmal ist die Lage diffus. Der Anschlag fand in Istanbul statt – also „da hinten“, „bei den Muslimen“, dort wo es dem gemeinen Deutschen stets egal ist, wenn jemand stirbt. Aber, es starben 10 Deutsche, also welche von „hier vorne“. Aufgrund der Tatsache, dass es sich um deutsche Opfer handelt, hatte ich mit einer Soli-Welle gerechnet, aber scheinbar folgt sie nicht dem Opferprinzip, sondern dem Territorialprinzip. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich ging immer davon aus, dass kulturelle Nähe Solidarität forciert. Sprich, Anschläge auf Menschen, die so ähnlich leben wie wir, machen die Deutschen betroffen. Natürlich ist man am betroffensten, wenn es andere Deutsche betrifft, weil man sich dann selbst der Opfergruppe zugehörig fühlen kann. Anschläge auf Menschen, die eine andere Religion haben, in Ländern leben, in denen man sich nicht auskennt und die kulturell fremd sind, interessieren die Deutschen nicht. Diese These scheint mitnichten richtig.

Als 2015 in Südfrankreich ein Urlaubsflieger gegen Felsen gesteuert wurde, waren Entsetzen, Trauer und Empörung riesengroß. Jetzt, da in Istanbul zehn Deutsche starben, bleibt die kollektive Trauer aus. Wenn ich mich recht erinnere, dann waren auch Terroropfer in Ägypten den Deutschen stets herzlich egal, genau wie Flugzeugabstürze in der Nähe von Australien. Ob Deutsche unter den Opfern waren oder nicht, machte kaum einen Unterschied. Könnte es sein, dass Solidarität sich nicht aus kultureller Nähe, sondern aus territorialer Nähe schöpft? Sprich, je näher das Ereignis, desto stärker betrifft es einen. Dabei geht es nicht um tatsächliche Distanzen, sondern empfundene Nähen. Die Anschläge von London brachten weniger Solidaritätshandlungen hervor, als die von Paris. Denn die französische Hauptstadt ist nur eine Autobahn oder eine Zugfahrt entfernt, die englische Hauptstadt trennt von uns ein ganzes Meer. Zwischen Istanbul und uns liegen Länder über die wir wenig wissen, man muss eine ganze Weile fliegen, um die Stadt zu erreichen. Ein Terroranschlag in Istanbul ist schlicht räumlich zu weit weg, um für Trauer relevant zu werden.

Im Grunde spricht viel für diese These. Ist es nicht psychologisch schlüssig, dass wir uns mehr vor Gefahren fürchten, die physisch nahe sind als vor Gefahren, die kulturell nahe sind? Passt es nicht zu evolutionsbiologisch bedingten Ängsten, dass der einzelne Wolf im gleichen Wald gefährlicher ist als ein gigantisches Wolfsrudel in einem fernen Forst?

Damit würde aber viel von der Kritik an der mangelnden Solidarität bei Anschlägen in Nahost verpuffen. Dann handelte es sich nicht um eine kulturelle Ignoranz, sondern nur um eine viel zu große Distanz.

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